Frank Nussbücker: Kolossal erleichtert trotz veilchen-blauem Auge

Union Berlin Rückblick Frank Nussbücker

Bildquelle: Harleypaul on Tour [], (Bild bearbeitet)

Nun hatten wir sie also, die von vielen einschließlich mir seit Sommer 2019 erwartete Union-Saison im Zeichen des Abstiegskampfs. Typisch Union daran vor allem: Die Erlösung nahm uns wieder einmal in der Nachspielzeit des letzten Spieltags mit voller Wucht in ihre Arme. Nein, wir hatten uns nicht für den intergalaktischen Spielbetrieb qualifiziert, sondern „einfach nur“ die Liga gehalten. Dass es sich bei dieser um die Beletage des deutschen Fußballs handelt, wie wunderbar!

Immerhin begegneten wir zweimal den sich „die Intergalaktischen“ nennenden Madrilenen, reichster Club der Welt und Schampusliga-Abomeister – in Punktspielen! Als deren 1,03 Milliarden Marktwert-Truppe am 20. September 2023 in der Nachspielzeit dann doch noch das 1:0 gegen uns erzielte, wirkten deren Super-Duper-Stars sichtlich erleichtert. Die Ehrenrunde indes vollführten sie vor bereits merklich geleerten Rängen des Madrider Event-Tempels. Einzig im Gästeblock steppte noch der Berliner Bär …

Tschüss Schampusliga

Beim Rückspiel im Oly konnten wir den paar mitgereisten Weißhemden eindrucksvoll zeigen, wie Support in einem Fußballstadion funktioniert. Aufm Platz bot unsere Mannschaft ein mitreißendes Spiel, welches sie nach sensationeller Halbzeitführung und zwischenzeitlichem Ausgleich am Ende dann doch noch mit 2:3 verloren. Kein einziges europäisches Team hatte uns vorgeführt – und ja, auch ich genoss die Europa-Spitzenpo-Auftritte meines 1. FCU!

Und doch wusste ich am 12. Dezember 2023 im zugigen Oly, dass meine Entscheidung, mir kein Schampusliga-Shirt zu besorgen, die richtige gewesen war. So bärenstark unsere Mannschaft – von Halbzeit 2 in Braga einmal abgesehen – hier gekämpft hatte, im Kerngeschäft namens Bundesliga durchlitten wir so manchen durchweg trostlosen Fußballtag. Lag es mit daran, dass so mancher der für Europa nach Köpenick geholten Stars womöglich einen Tick zu sehr nur für die eigene Karriere gespielt hatte?

Bitterer Abschied und nach Ewigkeiten ein Punkt

Damit zum Kerngeschäft: Nach zwei Bundesliga-Spieltagen grüßten wir mit 6 Punkten und 8:2 Toren von der Tabellenspitze. Allerdings hatten uns diese beiden Spiele aufm Platz ordentlich Körner und auf den Rängen jede Menge Nerven gekostet. Es folgten 9 Liga-Niederlagen am Stück. Weit schwerer als die damit verbundenen 0 Punkte, 3:24 Tore sowie Tabellenplatz 18 wog, dass uns Urs und Hofi verließen – aus Liebe zu Union wohlgemerkt! Dass kurz darauf auch Böni um eine dringend nötige Pause bat, wunderte mich nicht.

Verletzungen, Rote Karten, Kacke am Schuh – der Fußballgott schien sich gegen uns verschworen zu haben. Immer unsicherer trat unser Team auf, während Urs‘ Stimme immer leiser wurde. Er, Hofi und Böni waren am Ende mit ihrer Kraft – es folgte die wahrscheinlich herzlichste Trainer-Verabschiedung aller Zeiten. Hofi sah sich das folgende Heimspiel von der Waldseite aus an – ein weiteres untrügliches Indiz dafür, dass hier niemand rausgeworfen worden war. Und was sah er inmitten der Fahnen und Sänger: Unseren ersten Punkt seit gefühlten Ewigkeiten!

Eiserne übergeben an einen Offizier

U19-Trainer Marco Grote und Marie-Louise Eta hatten die taumelnde Mannschaft unter ihre Eisernen Fittiche genommen – und ja verdammt, Union Berlin lebte noch! Nicht erst, als Kevin Volland in Minute 88 das 1:1 gegen die uns so gar nicht liegenden Augschburger erzielte! Etwas in mir hatte gehofft, dass die als Interims-Lösung antretenden Marco und Loui auch weiter für unsere 1. Herren verantwortlich sein würden, doch sehr schnell wurde ein neuer Cheftrainer präsentiert.

 

 

Nenad Bjelica zeigte sich von der ersten Interview-Sequenz an als harter Hund und präsentierte sich als „Soldat des Vereins“. Mir erschien er wie ein Offizier, an den man sich später nicht gern zurückerinnert. Und längst nicht jeder Fußballer sieht sich, in diesem Bilde bleibend, besonders gern als Rekrut. Fragt doch mal unsere Legende Wolfgang „Potti“ Matthies, was er von Übungsleitern mit Kasernen-Gebaren hielt …

Doch wieder Europa? Pustekuchen!

Nenad kam, trainierte – und unsere Mannschaft gewann jetzt auch mal wieder, sogar mehrfach. In meiner Erinnerung war kein wirklich glanzvoller Sieg darunter, aber Fußballgott – wir sind Unioner! Dass er auch mal zulangen kann, zeigte Nenad gegenüber einem aufsässigen Bayern-Star. Nach dem 22. Spieltag fanden wir uns auf Rang 13 wieder, satte 8 Punkte und etliche Tore vom Schleudersitz-Platz nach unten entfernt! Einige schauten bereits mit scheuen Augen ganz vorsichtig gen Europapo …

Das jedoch schien dem Fußballgott dann doch zu viel des „Guten“, und nach einem 2:2 gegen Heidenheim AdAF und 4 Punkten aus den folgenden 4 Partien folgte Niederlagen-Serie Nummer 2 dieser in jedem Fall unvergesslichen Saison. Sie war mit zunächst 3 und dann nochmal 2 Spielen längst nicht so lang wie jene in der Hinrunde, doch das tröstete mich kein bisschen, im Gegenteil!

Eine Halbzeit als Offenbarungseid

Inzwischen glaubte ich naiver Laie dem einen oder anderen Spieler anzusehen, dass etwas in ihm am Aufgeben war. Hegte so mancher tief, tief hinter seiner Stirn womöglich Gedanken wie: ‚Ich bin eh nicht mehr lange hier – und will bei meinem neuen Verein möglichst unverletzt beginnen‘? Das wäre menschlich wie beruflich mehr als verständlich – und doch blutete auf den Rängen sicher nicht nur mir das Herz.

Immer kleiner wurde das Polster überm Relegationsplatz, als dessen Geheimfavorit wir schließlich ausgerufen wurden, 2 Pünktchen waren es nach Spieltag 31, einem torlosen Remis bei Borussia Mönchengladbach. Dann aber kam es so richtig dicke: 0:3 zur Pause gegen Tabellennachbar VfL Bochum – ein 45-minütiger Offenbarungseid! Bereits die Aufstellung mit Hollerbach als einzigem „echten“ Stürmer hinterließ mich ratlos: Hatte der Trainer gegen die kampfstarken Bochumer möglichst lange ein 0:0 halten wollen?

 

 

Mehr Dramatik ging nicht

Nun wechselte Nenad Stürmer ein, aber war es nur das? Plötzlich stand da eine gefühlt völlig andere Union-Mannschaft aufm Platz! Auf 2:3 und 3:4 kämpften sie sich fast an den einen, so verdammt wichtigen Punkt heran. Aber „dicht daneben ist immer noch vorbei“, und wir hatten noch nicht fertig. Nach einer elendigen 2. Halbzeit in Köln, in welcher wir uns einmal mehr von der Sieger- auf die Verliererstraße gebracht hatten, lag es nicht mehr nur in unseren Füßen, ob wir die Mission „mit aller Gewalt Klassenerhalt“ erfolgreich ins Ziel bringen würden.

Rettung, Relegation, Direktabstieg lauteten die uns vom Schicksal gebotenen Möglichkeiten vor dem Saisonfinale gegen den SC Freiburg. UNION GIBT NIEMALS AUF, vermeldeten über sämtliche Heimbereiche hinweg unsere Banner. Sie bildeten den würdigen Rahmen des nun folgenden, Shakespeares Dramatik mehr als nur Paroli bietenden Fußballkrimis. Passend dazu hatten direkt nach dem Bochum-Desaster Marco, Loui und – Hurra! – nun auch wieder Böni auf der Trainerbank Platz genommen. Diesen drei echt Eisernen wünschte ich den so wichtigen Sieg mindestens ebenso heftig wie unseren Spielern und mir selbst.

Fußballgottes Einsehen

Union begann stark, bevor die Freiburger das Zepter übernahmen. Dann Handspiel, VAR, Elfmeter für Union – natürlich verschossen, Halbzeit! Nervendes Geplänkel in Halbzeit 2, bevor der gerade eingewechselte Hollerbach per Traumtor des Gegners Tornetz zappeln ließ! Wir zappelten nicht minder, bedeutete dieser Treffer doch unsere Rettung! So einfach wollte uns Fußballgott das Ganze dann doch nicht machen, und er entschied sich für die Variante: ungeahndetes Foul der Freiburger, Konter, Ausgleich!

Das Ganze mal wieder kurz vor Schluss, doch die Nachspielzeit beträgt 7 Minuten. 2 davon sind verstrichen, als der Schiri nach Freiburg-Foul zum zweiten Mal auf den Strafstoßpunkt zeigt. Wer verdammt soll diese Verantwortung übernehmen? Volland läuft an, der Keeper rettet an den Pfosten – doch nun endlich zeigt Fußballgott ein Einsehen. Janik Haberer haut aus etlichen Metern das Ding schlussendlich doch noch in den Winkel! Die Spieler rasten aus, wir mit ihnen – und bleiben in der Liga!

Zwei schmerzhafte Niederlagen aufm Platz

Wie in der Musik ist es von ganz besonderer Wichtigkeit, dass der Schlusston sitzt – und doch sind mir aus dieser Saison vor allem zwei andere Spiele besonders heftig in Erinnerung. In ihnen allerdings offenbarten die Schlusstöne einen zumindest für meine Ohren elendig einprägsamen Klang: Gegen Braga in der Champions League begann unsere Mannschaft wie entfesselt – und nach Doppelpack des pfeilschneller Sheraldo Becker schien es, als habe sie nach 4 Bundesliga-Niederlagen und jener gegen Real Madrid endlich in die Spur zurückgefunden. Doch Braga erzielte noch vor der Pause den Anschlusstreffer, später den Ausgleich …

 

 

Als sie uns quasi mit dem Schlusspfiff das 2:3 einschenkten, traf mich das wie ein Fausthieb in den Magen. Mir wurde schwarz vor Augen, derart elend hatte ich mich ewig nicht gefühlt nach einem Spiel meines geliebten Vereins. Doch das war noch gar nichts gegen das, was 7 Monate und 8 Tage später in Köln passierte. Wieder führten wir mit 2:0, diesmal gegen einen Gegner, der stehend K.o. war. Ein elendiger Elfmeter hauchte den Jecken, mal weder kurz vor der Pause, neues Leben ein. Den Rest weißt Du so gut wie ich …

Eiserne Helden – und wer ist der Star?

Ein weiteres für mich unschönes Kapitel hat mit unserer langjährigen Nummer 29 zu tun. MICHA, UNSER DANK GILT DIR – AUFSTIEGSHELD, DEIN PLATZ IST HIER!, brachte es zum Saisonfinale ein Waldseiten-Banner auf den Punkt. Unioner vergessen nun mal nicht. Was immer da zum Bruch geführt hatte – mir tat es weh, dass wir uns nicht im Wohnzimmer gebührend von Michael Parensen-Fußballgott verabschieden konnten.

Ein weiteres Banner vermeldete: „VOM STERNEGREIFEN ZURÜCK AUF DEN BODEN / UNSER SCHLÜSSEL ZUM ERFOLG: NIE ZU VERGESSEN, WOHER WIR KOMMEN!“ Das ist an literarischer Dichte nicht zu überbieten, und für die kommende Saison wünsche ich mir zum ersten, dass wir wieder eine echte Union-MANNSCHAFT aufm Platz und in der Kabine haben, deren Einheit es jedem Gegner nachhaltig vergällt, gegen uns antreten zu müssen.

Was macht uns stark?

Der Star bei Union ist und bleibt nun mal die Mannschaft - und die umfasst längst nicht nur jene Berufs-Unioner, die aufm Rasen und an dessen Rändern unser Logo auf der Brust tragen. Längst nicht nur Käpten Trimmel brachte klar zum Ausdruck, dass die Unterstützung von den Rängen einen riesengroßen Anteil am Erreichen des Klassenziels hatte. Nun hörte ich gerade in den letzten Wochen des Öfteren von Unioner-Kollegen, sie hätten die Schnauze voll vom „ewigen Abfeiern der Mannschaft“. Boonsche Gesetze schön und gut, aber …

Ich jedoch sage: Wir hielten die Klasse nicht trotz, sondern im Gegenteil durch unsere konsequente Unterstützung der Unioner aufm Rasen. Solange die Mannschaft kämpft, bekommt sie unseren Applaus. Tut sie dies unserer Meinung nach mal nicht oder nicht genug, können wir auch mal schweigen. Aber bitte lasst uns auch weiterhin nicht das abziehen, was in den allermeisten modernen Event-Arenen trauriger Konsumenten-Alltag ist. Ich als Unioner bestehe auch weiterhin auf meinem Grundrecht auf regelmäßigen Herzkasper! Eisern heißt dit – Dir eine erholsame Sommerpause!


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