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Frank Nussbücker: Pleite gegen Bayer - Manchmal ist Fußballgott ein Arschloch

Bayer Leverkusen mit Sieg bei Union Berlin

Bildquelle: Frank Nussbücker [], via Wikimedia Commons (Bild bearbeitet)

So schön die Auswärtsfahrt nach Bremen auch war, ich freute mich sehr, dass es heute wieder An die Alte Försterei ging. Ohne ultra-lautes Jingle-Blabla und all die Präsentationen von Spezial-Sitzplätzen, Eckbällen, gelben Karten, dafür mit mundgemachter Stimmung aus vollster Kehle. Leider all das heute gegen einen Gegner, der uns in der Hinrunde nicht den Hauch einer Chance gelassen hatte. Blick ins Programmheft: 445,75 Millionen Euro Marktwert des gegnerischen Teams, das Zehnfache gegenüber unserer Mannschaft.

Aber egal, wir sind Unioner. Und haben wir keine Chance, nutzen wir ja zumindest manchmal gerade die! Der Gästeblock ist voll. Sie trommeln und singen Unverständliches, aber zumindest in einer Melodie, der wir mit „Eisern Union“ den richtigen Text verpassen können. Ihr Mannschaftskapitän gewinnt die Platzwahl, na und? „1. FC Union Berlin – und alle!“, eröffnen wir den Kampf.

„Hier regiert der FCU!“

Keine 3 Minuten sind herum, da zeigen unsere einen wunderbar schnellen Angriff – gaaanz knapp streicht der Ball am Tor vorbei! Freistoß in der 5. Minute, der gegnerische Torwart pariert 2 Bälle. Das dürften locker mehr klare Eiserne Torchancen gewesen sein, als während des gesamten Spiels in der Pillenstadt. Während wir ab der 6. Minute „Eine Abwehr aus Granit“, besingen, fackelt Herr Gentner nicht lange und haut den Ball in die gegnerischen Tormaschen!

Ekstase und Bierdusche folgt von den Rängen die Eiserne Version von „Bella Ciao“, während auf dem Rasen jetzt auch mal die Millionäre angreifen. Alles nicht wirklich zwingend, unsere Mannschaft bleibt dran. Leider in der 14. die gelbe Karte für unseren Käpten, aber weiter geht’s: Angriffe, Freistoß, etliche Ecken. Nach einer von ihnen zeigen die Gäste einen blitzschnellen Konter. Schon ist ein Pillenmann frei vor unserem Tor und der Ball hinter der Linie. „Hier regiert der FCU!“, lautet unsere Antwort.

„Pyrotechnik ist was für Profis!“

Auch unsere Mannschaft bleibt am Ball, erarbeitet sich so manche Torchance, leider ohne Zählbares. 10:4 Torschüsse in Hälfte 1 lese ich später im Netz. Nie hätte ich gedacht, dass Union die bessere Mannschaft ist. Jetzt erst mal Pause. Glückwünsche und Verabschiedungen statt Werbe-Verkaufs-Schau & Promo-Quiz. Und wenn die Anhänger herkömmlicher Fußball GmbHs noch so unken, ich bin verdammt glücklich darüber, dass es in unserem Wohnzimmer so zugeht. Scheiß auf Kult, genau so fühlte sich Fußball dereinst auch anderswo mal an!

Weiter geht’s: „Und wir lieben unsern Club, und wir sind stolz auf ihn, FC Union aus Berlin!“ Im Gästeblock breiten sie Banner aus, bereiten sie also eine Pyro-Show vor. Und richtig, schon erweisen sie uns und unserem Stadion mit zahlreichen Fackeln und jeder Menge Rauch die Ehre. „Pyrotechnik ist was für Profis“, unkt ein Blocknachbar. Offenbar hatten einige noch paar Extra-Fackeln zwischen den Po-Backen. Es qualmt, völlig unmotiviert, immer weiter, bis der Schiri das Spiel unterbricht.

 

 

Urs packt die Brechstange aus

Es geht weiter, Union kämpft auf Rängen und Platz. Neven fightet um jeden Ball, die ganze Mannschaft beweist Eisernen Kampfgeist. Schon wieder streicht der Ball denkbar knapp übers Pillen-Tor. Wenn die bloß nicht wieder kontern, schießt es mir durch den Kopf. Als die West-Chemiker in der 83. Durch einen solchen in Führung gehen und wir sogar mal kurz den Gästeblock hören, spricht ein Nachbar meinen Gedanken aus: „Das haben wir nicht verdient!

Urs bringt Polter für Neven. „Jetzt mit der Brechstange!“, kommentiert Feuerwehrmann Jo, den Maßbecher fest in der Hand. Und los geht’s, Attacke! Angriff Union, und Bülter vollendet mit einem wunderschön anzusehenden Schuss in die gegnerischen Tormaschen. Biere fliegen, wir schreien unsere Freude heraus. All den wüsten Umarmungen folgt unsere mundgemachte Tor-Feier, direkt gefolgt vom rhythmischen Wippen knapp 20.000 Arm-Paare.

Fußballgott, du Armleuchter!

FC Union, Du wirst siegen, glaub an Dich und es wird wahr / Die 1. Bundesliga ist für uns nun endlich da …“ Nun rennen die Pillen wütend an, doch verfangen sie sich wieder und wieder am Eisernen Mittelfeld- und Abwehr-Bollwerk. Schon der Punkt wäre schmeichelhaft für sie und das Spiel jetzt zu Ende – wäre da nicht diese elende Spielunterbrechung aufgrund jener stümperhaften Rauch-Show gewesen. Wir tun, was wir tun können, singen unser Mantra vom FC Union, unsrer Liebe, unserer Mannschaft, unserm Stolz …

 

 

… während unten aufm Platz der Fußballgott beweist, dass er eben auch ein Arsch sein kann. Nach heillosem Gestocher in unserem Strafraum schiebt eine Pille den Ball aus nahezu unmöglichem Winkel über die Torlinie. Nie zuvor erlebte ich ein derart unverdientes Führungstor, aber das hilft uns jetzt auch nicht weiter. Damit dürfte der Eiserne Wille gebrochen sein, oder? Denkste, Union greift weiter an. Schließlich noch eine Ecke, unter Applaus von den Rängen rennt Rafa in den gegnerischen Strafraum. Tatsache, er bekommt den Ball, schickt ihn Richtung Tor, doch der Fußballgott schüttelt erneut den Kopf.

Uns gehört das Stadion, uns gehört die Nacht

Der Abpfiff beendet das Schauspiel. Die Akteure sacken in sich zusammen, selbst die Sieger feiern jetzt nicht. Wut und Trauer ringen in mir mit dem unbändigen Stolz auf diese Eiserne Union-Mannschaft da unten. Letzterer siegt, nicht nur bei mir. Wir applaudieren unseren Kämpfern, und erneut erobert unser Mantra die akustische Hoheit in unserem Wohnzimmer. Wie schon dereinst in Liga 3 schicken wir auch jetzt unseren Gesang in die Flutlicht-beschienene Frühabend-Dunkelheit:

FC Union, unsre Liebe, unsre Mannschaft, unser Stolz, unser Verein: Union Berlin, Union Berlin!“ Mehr gibt es nicht zu sagen und zu singen nach einem derartigen Spiel. Auch wenn es genau jetzt einen feuchten Kehricht nützt, dass wir dieser Millionärstruppe, der momentan vielleicht formstärksten der Bundesliga, einen derartigen Tanz boten. Doch ich bin sicher, die hier derart schnöde verlorenen Punkte kriegen wir irgendwann zurück. Dieser Schlag in die Fresse haut uns nicht weg, im Gegenteil. Eisern heißt dit!


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