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Frank Nussbücker: Manchmal willste nur noch schreien - Union-Pleite in Wolfsburg

VfL Wolfsburg besiegt Union Berlin

Bildquelle: Harleypaul on Tour [], via Wikimedia Commons (Bild bearbeitet)

Zwei knackige, kraftraubende und am Ende erfolgreiche Begegnungen liegen hinter unserer Mannschaft. Eine Woche nach dem Punktspiel gegen Mainz und ganze 4 Tage nach dem Pokalfight gegen den FC St. Pauli treffen sie nun, begleitet von immerhin 2.500 Unionern auf den Rängen, gegen die in einer blassen westdeutschen Stadt stationierte BSG der Volkswagen AG. Ich hoffte vor allem, dass bei Urs‘ Truppe nicht so der Riemen runter war wie bei mir.

Moderiert von Christian Arbeit, stellte sich unser Fußball-Lehrer und Lebens-Philosoph auf der Pressekonferenz vorm Spiel den Fragen von Matze Koch. Der versuchte wie immer tapfer und ausdauernd, seinem Gegenüber Antworten auf Fragen zu entlocken, die dem Gefragten entweder so fremd sind wie nur irgendwas, oder die er aus taktischen Gründen nicht beantworten darf. Trotz allem erklärte Urs ruhig und sachlich, dass er den Fokus auf das anstehende Spiel und seine Mannschaft richte, statt auf einen ehemaligen Schützling.

Nichts dazugelernt

Auf Matzes Nachfrage hin bestätigte er Existenz wie tatsächliche Möglichkeit einer gewissen Rotation. Obendrein verriet er einen Kniff, wie er sich auf eine unter Wettkampfbedingungen stattfindende Begegnung mit einem vor Anpfiff feststehenden Kontrahenten vorbereitet. Unter anderem, indem er für sich die Frage beantwortet: „Was hilft mir am meisten gegen diesen Gegner?“ Spätestens nach seiner Antwort auf die Frage, was er zum Krieg in der Ukraine denke, war ich hellwach: „Wir haben nichts dazu gelernt.“ Nicht die oder der, sondern wir als Menschen.

Der Sport immerhin könne zumindest kurz eine gewisse Ablenkung liefern, bestätigte der Trainer mein Erleben der letzten Spiele. Nun also das Rückspiel gegen diese 254,40 Millionen Marktwert-Truppe des VW-Konzerns, die An der Alten Försterei so ungestraft nach Herzenslust foulen durften und trotzdem von unseren Fußballgöttern zwei Tore eingeschenkt bekam. Urs war bestimmt der Letzte, der, von Matze freundlich daran erinnert, nun endlich seine ersten Tore und Punkte aus dieser blassen Stadt an der Bahnstrecke mitnehmen wollte.

Union kommt ins Rollen

Den Mittelkreis ziert das Peace-Zeichen, genau wie die Trikots der Heimmannschaft. Unter den gut 15.000 Zuschauern befinden sich wie geschrieben 2.500 Unioner. Die sind von Beginn an bestens zu hören, doch ein heimgekehrter Blassstädter holt erst mal eine Ecke für sein Team heraus. Ihr folgt eine Chance, die jedoch eine solche bleibt. Kurz drauf zieht Österreichs Nationalspieler Schlager aus 18 Metern ab – der Ball knallt an den linken Pfosten! Durchatmen, und jetzt kommt Union. In der 5. Minute Ecke für uns, „Hinein, hinein!“, skandieren unsere Auswärtsfahrer.

Kurze Ecke auf Becker, weiter zu Genki, dessen Schuss weit am Tor vorbeigeht. „Eisern – Union!“, Wechselgesang von den Rängen. Auf dem Rasen stellen sie ihre Gegner nach der Wolfsburger Anfangsoffensive weitgehend zu. Becker über links, schade. „VfL“, melden sich jetzt auch mal die aus der blassen Stadt zu Wort, während Unsere über links angreifen. Wieder landet der Ball im Toraus, keine Ecke. Der nächste Angriff über Prömel, seine Bogenlampe wird abgewehrt, Neuaufbau über Taiwo, leider wieder ins Aus.

Ein Ei im Netz

Aber schon greift der wuchtige Nigerianer wieder an, die Blassen klären, Neuaufbau über Heintz und Knoche, weiter zu Genki und Grischa, sie klären wieder zur Ecke. Die klären sie zur nächsten, der dritten für Union. „Auf geht’s, Unioner schießt ein Tor“ Die Ecke kommt rein, mehrere Unioner sind frei und Dominic Heintz kommt zum Schuss – Glanzparade des Keepers der Blassen. Schon wieder Union, Khedira über links auf Becker, Ablage per Hacke, schade. „1. FC Union Berlin – und alle!“, skandiert das Stadion.

Irgendwann auch mal wieder die Blassen, Knoche klärt ins Aus, alle Blassen sind zugestellt. Plötzlich hat ein Ex-Unioner viel Platz, passt nach innen, findet einen Abnehmer – Luthe boxt das Ding aus dem Sechzehner! Und schon wieder muss unser Schlussmann mit einer Parade klären, Eckball für die Blassen. Die kommt an den zweiten Pfosten rein, Taiwo will klären und setzt Andi das Ding ins Netz, wie bitter ist das, und die Blassen jubeln verhalten.

Die Blassen führen zur Pause

Und sie greifen weiter an, aber nur mal kurz. Freistoß Union aus unserer Hälfte, die Blassen können sich befreien, geben zurück an ihren Torwart, bauen neu auf. Julian passt auf, Gegenangriff über Becker, weiter auf Awoniyi – schade. „Dem Morgengrauen entgegen“, höre ich unsere Auswärtsfahrer. Als der VfL Wolfsburg mal wieder in unserer Hälfte sind, sinkt einer von ihnen zu Boden. Freistoß Union an unserem Elfmeterpunkt. Litt da jemand unter Fallsucht? Gelber Karton soll ein gutes Hausmittel dagegen sein!

Luthe schickt einen langen Ball auf Taiwo. Der wird aufs Heftigste zu Fall gebracht, aber dem Schiri ists egal. Unsere bleiben aber am Ball, ackern. Angriff folgt auf Angriff, Freistoß, Eckball, aber wir kommen nicht gefährlich Richtung Tor. Zwischendrin Konterversuch der Heimmannschaft, den unsere Abwehr schnell entschärft. Union greift an, und plötzlich ist da Platz im gegnerischen Strafraum, aber kein Unioner zur Stelle, ihn zu nutzen. Nach mindestens ausgeglichener erster Hälfte geht’s mit Führung der Blassen in die Pause.

 

 

Hurra, Hurra …!

Als der Ball wieder läuft, übernimmt unsere Mannschaft sofort die Initiative. Kaum haben die Blassen einen Angriff geklärt, sind sie wieder da. Khedira zieht aus fast 20 Metern ab, Ansatzlos, die Flugbahn ein Strich – knapp über den rechten Pfosten. Aufbau über Heintz und Knoche, dann Becker auf der rechten Seite, Hereingabe auf Awoniyi, aber der Winkel ist zu spitz, nur Außennetz! Auf den Rängen erklingt unsere Bella-Ciao Version. Zwischendrin mal die Blassen mit nem Freistoß, dann wieder Union.

Sheraldo kommt zu Fall, sofortiger Neuaufbau, immerhin Eckball. Oczipka tritt, Knoche köpft eine Bogenlampe, die der Keeper aus der Luft pflückt. Schneller Gegenangriff der Blassen, doch unsere holen sich den Ball, Becker im Vorwärtsgang, Pfiff, Abseits … Unsere beiden Stürmer bedienen einander, doch noch kommt der letzte Pass nicht an. Aber jetzt! Taiwo behauptet den Ball, passt auf Sheraldo, der abzieht und die Maschen tanzen lässt – endlich der längst verdiente wie fällige Ausgleich!

… der Kamm mir schwillt!

Aber denkste. Schließlich hatte ein fallsüchtiger Blassgrüner ja zuvor den Ball nicht gewonnen und war dabei hingefallen. Weder der Radiokommentator, noch sonst wer sahen hier ein Foul. Einzig der eigentlich ja Unparteiische, der bislang sehr viel laufen ließ, will ein solches gesehen haben, pfeift das Tor zurück und schenkt „seiner“ Mannschaft für nichts die Führung samt Freistoß. „Schieber, Schieber“, kommentieren die Unioner auf den Rängen, aber es hilft alles nichts. Längst nicht zum ersten Mal haben die Blassen gegen uns einen Mann mehr auf dem Platz.

Ein solches nicht gegebenes Tor kann verdammt wütend machen. Und es kann sich anfühlen wie ein Gegentreffer. Unsere Mannschaft trifft es offenbar mitten ins Herz. Es dauert etliche Minuten, bis sie wieder richtig in die Spur kommen. Sieben Minuten später schlagen sie erneut zu. Grischa passt auf Taiwo, der kraftvoll aufs Tor köpft – mit letzter Mühe kriegt der Keeper seine Finger dran und kann ihn irgendwie rauskratzen. Mist, verdammter! Die Blassen kommen zwischendrin auch noch mal, spitzer Winkel, Lattenkreuz, Durchatmen!

Bleiben wir stabil

Urs erneuert den Sturm: Voglsammer und Michel für Becker und Awoniyi. Die hatten ja mindestens diesen einen großen Auftritt, nur leider – ich kann mich noch immer kaum beruhigen. Wäre ich im Stadion, könnte ich wenigstens schreien. Union wird weiter ackern, auch noch etliche Chancen erarbeiten, aber auch die vier Minuten Nachspielzeit warten nicht mit der bitter nötigen Portion Urs-schen Wettkampfglücks auf. „Ich finde, dass Union ein gutes Spiel gemacht, sich aber leider nicht belohnt hat“, urteilt mein Blocknachbar Lothar. „Es gibt eben solche Spiele, wo das Runde nicht ins Eckige will.

Ein guter Freund, der mit in die blasse Stadt gereist war, befand: „Eigentlich war es kaum möglich, dieses Spiel zu verlieren. Wir haben es trotzdem geschafft.“ Er redet denke ich bewusst vom wir, und seine eigentliche Kritik zielt auf die Ränge: „Von unserem Block hätte ich mir die Größe gewünscht, Kruse einfach zu ignorieren. So blieben wir unter unserem Niveau. Es wird Zeit, dass die Szene wieder übernimmt.“ Das für mich Traurigste daran: Diese überaus ärgerliche Niederlage ist derzeit fast unser geringstes Problem in dieser Welt. Bleiben wir stabil, bleiben wir Eisern – ich hoffe, bis bald im Stadion.


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