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Frank Nussbücker: Wie beantworten wir Gastfeindschaft? FCU-Pleite gegen Feyenoord

FCU-Pleite im Rückspiel gegen Feyenoord

Bildquelle: Harleypaul on Tour [], (Bild bearbeitet)

Gefühlt noch nie dachte ich vor einem derart entscheidenden Spiel derart wenig an das gleich beginnende Geschehen auf dem Rasen. Wer von meinen Bekannten wusste, dass ich am Abend des 4. November 2021 ins Berliner Olympiastadion gehe, gab mir jenen Satz mit auf den Weg, den ich unzählige Male im Netz las: „Pass auf dich auf!“ Nach dem gastfeindlichen Desaster beim Hinspiel in Rotterdam sind nun mehrere Tausend Auswärtsfans in unserer Stadt.

Geplante Brandanschläge auf unser Wohnzimmer & praktizierte Verschandelung der East Side Gallery, und wer weiß, was noch – das ist eine Gemengelage, die wir derart krass schon ewig nicht mehr hatten. Geb’s Fußballgott, dass unsere Mannschaft samt Betreuerstab sich nicht derart vom Eigentlichen ablenken lässt wie ich und so manch andere Unioner auf den Rängen. So was darf einfach kein Fußballspiel gewinnen!

Nie dachte ich am Spieltag so wenig an Fußball

Angesichts all der Gastfeindlichkeiten in Rotterdam, gerade seitens des dortigen Fußballclubs erscheint es mir geradezu als Hohn, dass sich deren Chefetage vom Überfall auf unsere Delegation am Vorabend des Hinspiels „distanzierte.“ Nun sind die Rotterdam-Fans hier, und es heißt, etliche Krawallmacher anderer Fanszenen folgen ihnen als Trittbrettfahrer. Sorry für die Wiederholung: Nie dachte ich am Spieltag so wenig an Fußball.

Fantrennung bei der Anreise, die ich dieses Mal ohne Widerrede befolgte. Im Netz die berechtigte Frage: „Hoffentlich weiß auch die Omi, dass sie nachher besser nicht mit der U2 Richtung Ruhleben fahren sollte.“ Machen wir uns nichts vor: Am Ende scheren Otto und Klara Normalverbraucher uns Fußballfans ohnehin über einen Kamm. Genug vorgeplänkelt, ab geht’s gen Westend mit der S-Bahn.

Quatschen über Fußball

Als ich die U2 am Alex verlasse, stürmt ein Trupp „Rottis“ die Bahn, auf dem Fuße gefolgt von ebenso vielen Polizisten in schwerer Rüstung. Das muss ich wirklich nicht haben. Also durch den langen Tunnel rauf zur S-Bahn. Auch dorthin verirren sich ein paar Gästefans. „Scheiß Baling!“, ruft einer von denen, Geografie 6, setzen! Zusammen mit Blocknachbar Nordlicht und seinem Kumpel besteige ich den Zug. Kurz vor Abfahrt quetschen sich paar Rotterdam-Fans zu uns in den Waggon. Wir quatschen auf Englisch über Fußball.

Die Koordinaten sind schnell fix: Sie hassen Ajax, wir lieben Union. Mein Hassgegner spielt zum Glück 4. Liga. Vieles läuft ähnlich bei uns, radebrechend erzähle ich ihnen von unserem Stehplatz-Stadion, von „Na und“, „Fußballgott“ und von unseren Aktionen dereinst für den an Krebs erkrankten Benny Köhler. Wir sind uns einig, dass wir uns während des Spiels anbrüllen, uns ansonsten jedoch wunderbar unterhalten können. So langsam ist mir jetzt doch nach Fußball.

Beklopptes Verhalten der Grottis

Im Stadion ist es lange vor Anpfiff laut. Barbarisch laut die Pfiffe, als ein niederländischer Sprecher deren Mannschaftsaufstellung verliest. Schade, kein „Na und!“ heute, gerade heute! Ein Hoch auf unseren Plattenunterhalter: Achim Mentzel, Sporti – ab geht‘s! Unbeschreiblich mächtig das aus 25.000 Kehlen geschmetterte „Wir werden ewig leben!“ Die Minuten bis zum Anpfiff nutzen wir für den verbalen Schlagabtausch mit dem prall gefüllten Gästeblock, That’s Entertainment!

Dann die Pyro-Einlage der Rottis – echt grottig, dass sie ihr Zeug dann gen Spielfeld und in die Richtung des zum Glück weit entfernten nächsten Blocks werfen. Unser roter Stoff schützt die Tartanbahn vor Ärgerem. Echt idiotisch, diese Grottis. Jede Menge „Bodennebel“ verschiebt den Anpfiff, dann rollt der Ball doch. Zweite Pyro-Welle der Grottis, und aufm Rasen der erste Ball auf unser Tor. Luthe hat ihn. Kurz darauf eine Ecke im Nebel.

 

 

Die Grottis führen

Gesang folgt auf Gesang, von den Grottis höre ich nichts mehr. Auch unsere wagen einen Angriff, aber Rotterdam ist bissiger. Dann ist Becker fast durch – schade, der Keeper hat ihn am Ende. Es geht hin und her, doch Rotterdam wirkt stärker. Unsere können kaum den Ball behaupten. Jetzt doch, Balleroberung – Mist, Fehlpass! Die Grottis singen, wir heben eine Faust hoch. Kurz drauf lässt das „Eisern!“ „Union!“ die Schüssel beben. Unsere flanken vors gegnerische Tor, „Und wir lieben unsern Club, und wir sind stolz auf ihn!

Rotterdam stört früh und erfolgreich. Wir verlieren den Ball, Rotterdam greift an – Pfosten, aber der zweite Schuss ist drin. Wir liegen zurück, die Grottis jubeln, wir singen weiter! Nach einer guten Viertelstunde die erste Ecke für Union: „Hinein!“ und Schlüsselklimpern. Schade, der Kopfball geht drüber, genau wie kurz darauf ein Schuss aus zwanzig Metern. Union ackert, kommt über rechts, über links, „Auf geht’s Union, kämpfen und siegen!“

Der Western Song bringt das Traumtor

Der Gegner darf ruhiger aufbauen als wir, bei uns fehlt oft die Abstimmung. Dann hauen sie Genki um, der Schiri lässt weiterspielen. Becker erobert die Kugel, spielt auf Genki, leider schlechter Abschluss. Unsere Mannschaft ist jetzt am Drücker, zwischendrin mal eine Rotterdamer Ecke, sie verendet bei Andi Luthe. In der 35. erklingt unser Western-Song, er wird immer heftiger. Der Funke springt auf unsere Mannschaft über. Geiler Angriff, Ecke, zweiter Ball, der Keeper muss nachfassen!

Freistoß Union, fast auf Tusche Position, aber andere Seite. Schade, der Torwart pflückt ihn sich. Aber unsere drücken weiter, kesseln den Gegner in dessen Strafraum ein. Die kriegen den Ball nicht raus, Zuspiel auf den Käpten, und Meister Trimmel zimmert ihn aus vielleicht 18 Metern wuchtig ins Dreiangel! Endlich schreien auch wir einfach mal nur unsere Freude raus! Und unsere Mannschaft ackert weiter aufs Tor, leider pfeift der Schiri pünktlich zur Halbzeit, die wir mit unserem Western-Song gebührend einsingen.

Kein Tor für Union, dann kommts dicke

Mit „Wo du auch spielst, ja wir folgen dir“, beginnt die zweite Hälfte. Union greift an, „Oh Köpenick, du bist wunderschön!“ Dann ein Fehlpass vor unserem Tor, Luthe klärt, rettet mich vorm Herzkasper. Die Ecke wehren wir ab, dann fliegt der Ball weit über unser Gehäuse. Taiwo kommt für Sheraldo und beackert sogleich den gegnerischen Strafraum. Dann jedoch hagelt es Gelbe, für ihn und kurz drauf für den Käpten. Rotterdam schießt rechts neben unser Tor, dass die Bande kracht. Kurz drauf klärt Luthe vor seinem Strafraum per Kopf, aufpassen!

Angriff Union, zu zweit vorm gegnerischen Tor – das hätte es doch sein müssen! Und welch besch… Ironie, kurz drauf ein elender Rückpass auf Luthe, der rutscht aus, der Gegner ist zur Stelle – Kacktor! Kurz jubeln die Grottis, wir skandieren „Luthe, Luthe!“, gefolgt von „Und wir lieben unsern Club…!“ Aus meiner Sicht die beste Reaktion. Andi ärgert sich am meisten über diesen Mist, und ab sofort spielen sie auf diesem sumpfigen Geläuf keinen Rückpass mehr.

Lehrgeld bezahlt, weiter geht’s!

Unsere Mannschaft ist von der Rolle, Rotterdam holt eine Ecke, auch die Grottis sind jetzt laut. Doppelwechsel Union, „He FC Union, stürme hinaus!“ Konter Rotterdam, Angriff Union, der Keeper muss nachfassen. Die Zeit verrinnt, und unter uns bahnt sich das Finale an: Der bereits verwarnte Käpten zeigt, dass er sauer ist und kassiert den gelb-roten Karton. Teuchert bringt es kurz drauf, nahezu an der gleichen Stelle, zu Glatt-Rot.

Nun greifen 9 Unioner an, beherzt, kämpferisch und leider ohne Erfolg. Jetzt ein Tor, das wäre es gewesen. Wir lassen unser Mantra erschallen, weit über den Schlusspfiff hinaus. Die Mannschaft kommt zu uns rüber, holt sich ihren Applaus ab. Der Gegner war einfach abgezockter. Schade, diese Niederlage fällt für mich klar unter die Rubrik vermeidbar, Sonntag geht’s weiter! Auf dem Heimweg lese ich die Nachricht von Marcus aus Amerika: „Der US TV-Kommentator musste alle fünf Minuten über die Stimmung im Stadion sprechen.“ Klar Mann, „wir sind Unioner, wir sind die Kranken!“ – und obendrein gastfreundlich: „Keen blinder Hass, aber Eiserne Liebe!


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