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Frank Nussbücker: Eisern im Nachbarhaus – Union Berlin fegt Bielefeld vom Platz

Bildquelle: Zakarie Faibis [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons (Bild bearbeitet)

Das Fußball-Wochenende begann für mich mit einem Abschied. Onkel Günter, mit dem ich so oft zum Spiel fuhr oder in der Bielefeld-Kneipe gegen die Arminen ansang, der zusammen mit mir stundenlang nach Pokalkarten gegen den BVB anstand und auf der Gegengerade unweit von mir stand, hat unsere Ränge verlassen. Stattdessen sitzt er von nun an als Käpten am Lenkrad jenes Busses, der unsere Fußballgötter zum heiligen Rasen und auch sonst überall hinbringt, wo man ihrer harret.

Das überaus Positive an diesem quasi Abschied: Auch auf dieser Schlüsselposition des Eisernen Busfahrers, die unser lieber Sven Weinel erst kürzlich verließ, sitzt, schaltet und waltet auch weiterhin ein echter Unioner! …. Kann es ein besseres Vorgeplänkel für ein Spiel unseres 1. FC Union geben? Noch dazu gegen einen Gegner, gegen den wir als Favorit gelten! Eine Rolle, mit der Union fast noch nie so recht umgehen konnte.

Für mich fast ein Heimspiel

Ich brauchte für dieses sonnabendliche Geister-Heimspiel vom Heim meiner kleinen Familie aus nur wenige Meter zurücklegen. NEMO-Wirt Jo hatte mich eingeladen, dass Spiel drüben bei ihm im Nachbarhaus zu gucken. Zusammen mit dem Eisernen Stickerbauer Schnacko, der mir sofort nach dem Eintreten den Sticker zum Spiel ans Revers heftete. Jo versorgte uns derweil mit Kaltgetränken aus dem nahen Kühlschrank. Eine Szene, die geradezu aufreizend an Sam Paffs Cartoon im aktuellen Unionprogramm erinnerte.

Aber genug jetzt, der Bildschirm zeigt unser Wohnzimmer. Die Hymne schallt hallend aus den Boxen – klingt schon komisch, wenn da keiner von uns mitsingt. Blick auf die Aufstellung: Kruse und Pohjanpalo in der Startelf – der Joker von Anfang an? Wow, ist Urs etwa so gar nicht abergläubisch? Bielefeld gewinnt die Platzwahl, schickt unsere in die falsche Hälfte. Haben die ein Glück, dass wir nicht im Stadion sein dürfen …

So frei wie gefühlt nie zuvor

Vom Anstoßpunkt weg bestürmen unsere das gegnerische Tor. Der erste Schuss eine dankbare Beute für den Torwart – aber schon rollt der nächste Angriff heran: Kruse auf Becker, der gibt rein auf Endo – und der Ball zappelt im Netz! Kurzer Jubelschrei, dann wieder hinsetzen: Abseits befindet das Schiri-Gespann – und für mich sahen Becker und Endo zumindest auf dem Bildschirm viel zu frei aus, wie ich es von meinen Zeiten in unserem Stadion her gar nicht kannte.

Oh, Spielunterbrechung, im Keller kieken sie Video, na sowas? Und jetzt können wir dann doch endlich jubeln über unser 1:0 in der 3. Spielminute. 7 Minuten später beschießt Bielefeld erstmalig unser Tor. Kurz darauf wieder wir, Becker über rechts – Ecke. Hätte er wie Max Kruse in Hoffenheim auf den freien Mann gepasst, wäre es wohl ein Tor gewesen. Klar, verstehe ich ja, dass er nun endlich auch selbst mal treffen will …

Tanz und Knacks

Bielefelder Gegenangriff, doch Kruse fegt seinen wieselflinken Gegner um. Gerade so, als wolle er sagen: „Was kann ich dafür, dass der Kerl so schnell ist?“ … Gar nicht viel später bewegt sich Herr Kruse – ich kann mir nicht helfen, sein Laufstil erinnert mich verdammt an Tusche – wieder richtig herum, in Richtung gegnerisches Tor. Butterweich serviert er von rechts dem Herrn Andrich, der so lieb ist, die Tormaschen und uns tanzen zu lassen.

 

 

Wie schön wäre es, das alles jetzt im Block zu erleben! Ist das hier nur ein Trainingsspiel? - durchfährt mich kurz der Schreck. Nee, Union spielt tatsächlich um Punkte! Schon folgt ein Dämpfer – Torschütze Keita Endo bricht mitten im Lauf ab, muss raus – Jute Besserung! Gogia steigt nach ewig langer Pflichtspielpause über die Sitzreihen der Tribüne Richtung Rasen hinunter – pass bloß auf, du warst lange genug verletzt!

Endlich sein eigenes Tor!

Er kommt heil unten an, weiter gehts! Derart, dass sich Schnacko und Jo bald bemüßigt fühlen, über Kabel und Receiver zu diskutieren – und auch bei mir vermisse ich minutenlang die für mich so typische Anspannung, wenn Union spielt. Mit anderen Worten: Unsere Mannschaft schiebt eine halbwegs ruhige Kugel und Bielefeld kommt nur selten an selbige. Selbst mein angsterfülltes „Bloß kein Gegentreffer vor der Pause!“ kommt heute nicht so richtig zur Geltung, was ist nur los?

Jos Miene wirkt da schon sorgenvoller. Schließlich kann er nicht mehr anders, es muss aus ihm raus: „Schnacko, zieh dir ne Jacke über, ich will nicht, dass du krank wirst!“ Richtig, das Fenster ist offen – genau wie des Gegners Strafraum. Wieder mal Becker rechts durch, von Max Kruse aufmerksam mit dem Spielgerät versorgt. Wieder gibt er nicht ab, sondern knallt das Ding am armen Keeper vorbei ins kurze Eck – na endlich hat auch er sein Tor!

Bier, Unionprogramm und dazu ein Tor?

Mit diesem seinem Treffer ist Sheraldo Becker der 10. Torschütze unserer Mannschaft in der noch so jungen Saison. Wozu ein Knipser, wenn fast jeder es kann? So langsam wird mir Olli Ruhnert geradezu unheimlich! Fast die ganze Halbzeitpause lang … wie steil war es, als wir selbige in Dortmund oder Augsburg geradezu durchsangen. Aber gut, hier im Nachbarhaus reicht mir Jo pünktlich vor Wiederanpfiff das nächste Kaltgetränk. Es läutet an der Tür – der liebe Olaf liefert das Unionprogramm frei Haus. Union daheim!

Bekamen wir in momentan längst vergangenen Zeiten in jenen ersten Minuten von Hälfte 2 gern mal auf dem Platz eiskalt einen eingeschenkt, macht heute und hier weiter Union das Spiel. Gogia im Strafraum, wird gelegt – Elfmeter! Wie dereinst Tusche legt sich nun der Max das Spielgerät auf dem Punkt zurecht. Sein 16. In der Bundesliga, verrät uns der Kommentator und faselt was von einem Rekord. Da wird der Max doch nicht etwa die Nerven verlieren?

„Jungs, was macht ihr heut‘ so?“

Natürlich nicht! Eiskalt lässt er wie in Hoffenheim den Keeper aussteigen und nagelt das Ding lässig ins freie Eck. „Max, du hast das schieben raus!“, singts mal wieder hinter meiner Stirn, was für ein arschcooler Typ! Nach drei Assists in diesem Spiel belohnt er sich und uns mit Saisontor Nummer 3! Ähm, wie stehts jetzt eigentlich … echt 4:0? Die nächsten Minuten genieße ich es einfach, hier mit 2 Freunden zusammen zu sein und nahezu ohne Angst & Bange Union zu kieken.

Union finden wa toll!“, singt prompt der Fernseher. Kann der meine Gedanken lesen? Nee, es sind die Unioner im Zauberwald, die dafür sorgen, dass bei diesem Schützenfest zumindest ein Hauch echte Fußball-Atmosphäre mit im Spiel ist. Schließlich legt zur Abwechslung mal Akagi Gogia ein Tor auf, welches der freundliche Herr Teuchert dankbar vollendet. Ein schönes Fest im Nachbarhaus geht zu Ende – und fast wundere ich mich, dass vorm Haus jetzt nicht Onkel Günters Bus parkt, er mit der Mannschaft die Treppen hochgestiefelt kommt, die Wohnungstür auffliegt und Max Kruse feixt: „Na Jungs, was macht ihr heut‘ so?“ Eisern heißt dit!


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