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Frank Nussbücker: Fanparty in Rot - Union Berlin reicht Remis gegen Kuopion PS

Bericht zu Union Berlin - Kuopion PS

Bildquelle: Eiserne-Unioner [], (Bild bearbeitet)

Nun ist es also soweit: Europapo-Rückspiel von Union in Berlin, und wieder mal aus Sitzplatz-schalen Gründen nicht in unserem Wohnzimmer. Vor 20 Jahren mussten wir, UEFA sei Undank, in den „Jahn-Tierpark“ ausweichen, das Stadion gleich bei mir um die Ecke. Ich hatte Theaterprobe und lief auf dem Weg dorthin mit bebendem Herzen an der Außenmauer entlang, einst Teil des Berliner Todesstreifens. Im Stadion war es laut, und ich sog jeden Gesangsfetzen, der aus der Schüssel zu mir heraufdrang, gierig auf.

Heute bin ich selbst dabei – in der weit größeren Schüssel, dem städtischen Olympiastadion in Charlottenburg. Wer ein Spiel nicht ernst nimmt, wird es verlieren! Dennoch bin ich unserer Mannschaft dankbar, dass sie letzte Woche beim Hinspiel in Helsinki eine „verlockende Ausgangslage“ (Urs Fischer) für das Weiterkommen in diesem Wettbewerb schuf. So kann ich mir zumindest vor dem Anpfiff in einiger Ruhe ansehen, was unsere Vereins-Mitarbeiter tief im Westen der Stadt an temporärer Eiserner Kulisse schufen.

Keine Show, sondern Fußball

In der Pressekonferenz vorm Spiel bewies mir Urs Fischer eindrucksvoll, dass er dieses Match durchaus ernst nimmt. Er ließ sich nichts über die Aufstellung entlocken und zeigte eindrucksvoll, was er von Fragen und Äußerungen hält, die nicht den bevorstehenden Kampf auf dem zu beackernden Rasen betreffen. So langweilig vor-Spiel-Pressekonferenzen dadurch auch sein mögen, bin ich sehr glücklich über die konsequente Arbeitshaltung unseres Cheftrainers.

Am späteren Nachmittag machte ich mich auf den Weg. Klar wäre ich jetzt lieber nach Köpenick gefahren, als nach Charlottenburg – und doch bin ich ja stolz auf unser Weltverbands-unkonformes Stehplatz-Stadion, also Schluss jetzt! Ich bin früh dran, in meinem Waggon nur einer von 3 Unionern. Am Zielbahnhof steigen dann schon etliche von uns aus, und je näher ich dem 1936er Bauwerk komme, desto röter wird es um mich herum.

Grau mit roten Tupfen

Kurzer Plausch mit dem Programmheft-Verkäufer, Kalle auf dem Zeughaus-Wagen sowie Chris & Loyd am Barkas-Ersatzfahrzeug. Immerhin paar Bekannte, für mich die ersten heute. Alsbald begebe ich mich ins Stadion. Wenn ich schon mal hier bin, dann bitte die ganze Dröhnung! Zugig und grau umfängt es mich, immerhin ums Spielfeld herum ist es rot. In der Kurve am Marathon-Tor leuchtet unser Logo. Es hat schon ordentlich Regen abbekommen, leuchtet aber noch immer!

Auf den Rängen gewahre ich gefühlt 15 rote Tupfen im Grau. Die Musik ist ganz angenehm, auch deutsche Texte dabei, allesamt fern des ansonsten weit verbreiteten, dumpfsinnigen Ballermann-Gedöns. Stimmt, Wumme sitzt ja an den Reglern. Draußen seucht es. Von irgendwo her höre ich Töne, die nach Fußballgesängen klingen – wird wohl der Regen sein. Oh je, ob wir paar Hanseln hier nachher ein bisschen Stimmung hinkriegen?

Allmählich wird’s lauter

Es ist 19.00 Uhr, als ich rechts von mir das erste „Eisern Union!“ vernehme. Oh, wir sind schon paar mehr geworden. Applaus, als die ersten Berufs-Unioner den Rasen betreten. Sie legen Bälle ab, positionieren Hütchen auf dem Rasen. Auch ich rufe ihnen „Union!“ zu – klingt alles komisch, so weit auseinander, wie wir alle sind. Das nächste „Eisern!“ klingt schon lauter, und punkt 19.15 Uhr erklimmen Carola und Micha die Treppenstufen zum Oberrang. Was für eine Freude, endlich Freunde in die Arme nehmen!

„Genau hier wurde ich sozialisiert!“, verrät mir Micha, ein gebürtiger Westberliner, der in seiner Jugend viele Jahre als Blauer hier Fußball guckte und für Union 06 gegen den Ball trat. Mittlerweile seit vielen Jahren ein Roter, verfolgte er auch die Derbys von hier aus: Gegentribüne, Oberrang, Mitte. „Klar iss dit komisch!“, beantwortet er lachend meine Frage. Die um uns herum angestimmten Gesänge werden massiver, fast springt der Funke über …

Bei der Hymne wird’s gemütlich

Wumme legt Johnny Cash auf, „Luthe, Luthe!“, begrüßen wir unseren Torwart an seinem heutigen Arbeitsplatz. Langeweile von Feeling B singe ich von Anfang bis Ende mit, gegen 19.50 Uhr betritt Christian Arbeit das Grün. „Unioner!“ – „Yeah!“, begrüßen wir einander. Als er am Ende seiner Anmoderation den Namen des Austragungsortes nennt, intonieren wir das an dieser Stelle übliche „Alte Försterei!“ Immerhin, schön hergerichtet haben sie es hier. Unsere „Na und!“-Rufe klingen allerdings wie in einer riesigen Bahnhofshalle.

 

 

Jetzt sehen die Ränge schon ganz gut aus, ordentlich rot und durchaus sangesfreudig. Achim Mentzel, Frank Schöbel – und endlich Sporti mit Eisernet Lied, jawiollja! Mächtig auch der Hall, der bei unserer Mannschaftsaufstellung auf jedes „Fußballgott!“ folgt. Nach kurzem „Alte Försterei“ endlich unsere Hymne. Sie dimmen das weiße Licht, warme Rot machts hier regelrecht gemütlich! Und es ist einfach geil, heute endlich mal wieder mit über 20.000 Gleichgesinnten zu singen.

Geführter Chorgesang

Der Ball rollt. „Wir sind Unioner, wir sind die Kranken“ ab Sekunde 35, weit über 3 Minuten lang! Ich höre Getrommel, unter uns eine Megafon-Stimme – wow, die Ultras sind an Deck. Die Finnen schossen derweil auf unser Tor, sei’s drum. Wir halten unsere Schals hoch zum „Schalalalalalala“-Gesang. Der erschallt mächtig, wird leiser, bis man fast nur noch Getrommel hört, bevor er erneut zum Orkan anschwillt. Geführter Chorgesang klingt schon geil!

Weit unter uns kommt Taiwo über rechts, da wird‘s ordentlich laut – schade, wird nix draus. Und schon wieder erkämpft dieser Hüne das Spielgerät und schießt – denkbar knapp rechts am Tor vorbei. „Hier regiert der FCU!“ Union weiter am Ball, auf Rasen und Rängen. Mitten im fünfminütigen „Oh Köpenick, du bist wunderschön!“ ein Tor, aber war wohl Abseits oder sonst was, eben weitersingen!

Wir feiern ein Fest

Dass ich etwas unkonzentriert bin, liegt daran, dass ich mittlerweile die erweiterte Schnuppe-Familie neben mir habe – Umarmungen, Filip kredenzt mir ein Bier, weitersingen! Freistoß Union – leider in die Arme des wackeren KuPS-Keepers Kreidl. Die Finnen mit einem hohen Ball auf unser Tor – Andi Luthe hat ihn. Mitten in unserem „Wir lieben Union, jawoll“-Wechselgesang stürmt Kraftriese Awoniyi aufs gegnerische Tor zu – wieder schade, „Eisern Union!“

Minute 41, unser Mantra erklingt: laut, schallend, während Taiwo einmal mehr den gegnerischen Strafraum auseinandernimmt. Der marschiert da durch – nur das Tor gelingt ihm auch jetzt nicht. Bis in die Pause hinein singen wir „… unsre Liebe, unsre Mannschaft, unser Stolz …“. Halbzeit 2 beginnt mit einem Paukenschlag: Rot-weiße Pyro die gesamte Gegentribüne entlang, in den Qualm hinein feiern wir „Europapokal-Europapo!“ Tut das gut, verdammt nochmal, die Schüssel wird zum Hexenkessel.

Ich genieße jede Sekunde

Von nun an gab‘s für mich kein Halten mehr. Die gesamte 2. Halbzeit sangen wir durch, feierten wir unser Wiedersehen, Union, das Leben! Ab und zu ging mein Blick zur Anzeigetafel: Was, nur, noch 30 Minuten Party? … Nur noch 15? Egal, weitermachen, genieße jede Sekunde! Das Spiel selbst war wohl eher bescheiden. In der 60. Und 66. riesige Chancen für Union, zwischendurch einige Paraden von Andreas Luthe. Und ich inmitten von immerhin 22.159 ähnlich Bekloppten. „Arme hoch!“, rhythmisches Klatschen, der nächste Gesang bitte …

Am Ende feierten wir zusammen mit unserer Mannschaft. Sie waren zu uns vor die Gegentribüne gekommen, hatten einander untergehakt wie wir, hüpften mit uns, immer weiter, ganz nach vorn! Etliche KuPS-Spieler verharrten drüben vor der Haupttribüne, betrachteten unser Treiben. Sie wirkten beeindruckt – positiv, trotz ihres Ausscheidens. Christian Arbeit, den KuPS-Präsi neben sich, bedankt sich unter unserem Applaus für die Gastfreundschaft der Finnen. Schlechtes Wetter, fremdes Stadion, bescheidenes Spiel – aber für mich vor allem ein irre steiler Abend in Rot und Weiß. Eisern Union!


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