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Frank Nussbücker: Es ist Derby und keiner geht hin - Will man das?

Frank Nussbücker zum Geister-Derby

Bildquelle: Frank Nussbücker [], (Bild bearbeitet)

Nein, ich hab keine Lust mehr, über die Beklopptheit der Lage zu klagen. Schon bald nach dem Bayernspiel ging es mir so. Du weißt so gut wie ich, dass das nicht der Fußball ist, für den wir brennen. Ist es vielleicht „Fußball pur der Marktwirtschaft“? Fernsehgelder, Werbeeinnahmen und in immer mehr Vereinen ein Investor bringen das Geld, was früher hauptsächlich durch Mitgliedsbeiträge und vor allem den Kartenverkauf an die Stadionbesucher reinkam.

Daselbst waren es die Leute, die sich für ihren Verein die Stimme aus dem Brustkasten sangen, die dem Fußball die ihm gebührende Kulisse gaben. Die kann man sich jetzt am heimischen Fernseher dazu schalten, jeweils fünf sechs verschiedene Gesänge laufen dann ab. Auch hier lassen technische Neuerungen sicher nicht auf sich warten. Eines Tages gibt es wohl perfekt glattgebügelte „echte“ Stadionatmosphäre via Vertrag auf die Fernseh-Couch. Genug davon, bleibe ich im Folgenden bei mir, im Hier und Jetzt.

Eisern leben

Mein Freund und Nachbar Schnacko, seines Zeichens eiserner Stickerbauer, überrascht mich am Tag vorm Derby mit seinem Bier „Eisern Unioner“. Flasche mit „markeneigenem“ Kronkorken und Etikett drauf sowie äußerst wohlschmeckendem Inhalt darin. Dazu gibt‘s Bierdeckel, Sticker und demnächst auch eigenem Humpen – ein verrückter Bastler eben! Ich freue mich schon auf sein nächstes Union-Shirt, welches ich dann als einer von 15 bis 20 anderen tragen werde – eines Tages auch wieder im Stadion.

Zwei Tage vorm Derby hatte mich Roland Krispin in unserer Sendung „Eisern trotz(t) Handicap – TV“ mit einem neuen Union-Song überrascht. „Lass uns sehn – wo die andern stehn / Komm mit mir ins Eisernland“, singt und klampft er durchs Telefon, dass mir die Tränen kommen. Weil ich mich verdammt drauf freue, genau das eines Tages wieder zu tun. Und weil ich begeistert davon bin, wie Unioner diese bekloppte Zeit dafür nutzen, was auf die Beine zu stellen.

Eine Spur Derbystimmung

Auch das von zwei Typen aus dem ETH-Team angestoßene Projekt mit dem Arbeitstitel „Rollstuhlschaukel“, das längst von vielen Eisernen Schulter an Schulter getragen wird, lässt mich Union feiern. Mein Freundes Ronny lädt mich ein, das vermaledeite Fernseh-Derby zusammen mit einigen Unionern in einer uns gut bekannten Sportsbar zu verfolgen. Wunderbar. Egal, ob Live-Ticker, Leinwand oder gar nix – ich möchte, wenn das Spiel läuft, unter Meinesgleichen sein.

Ein paar Internet-Frotzeleien mit 2 Typen, die mir bald nach Abpfiff wieder Freunde sind, lassen in mir zumindest eine Spur Derbystimmung aufkommen. Vor dem Hinspiel hatten wir uns am Schiffsableger ein letztes Mal umarmt, bevor sie auf ihrem blau-weißen Charterschiff und ich auf Eddylines rot-weißer Viktoria an Bord gingen. „Damals“ hatte ich mich auf den Fight im Hexenkessel gefreut und war trotz Sieg ernüchtert nach Hause gefahren – nicht Poltis Tor, sondern die Bilder des Raketenbeschusses aus dem Gästeblock im Kopf. Den Platzsturm aus dem Heimbereich hatten Unioner verhindert. Also los, ab zum Fernsehempfang.

Hände desinfizieren, Abstand halten!

Der Kneipier darf aufmachen, Polizei ist vor Ort. Hände desinfizieren, die Sitzordnung beachten. 48 Plätze, alle mit Mindestabstand, heute Nichtraucher. Vorm Spiel noch fröhliches Fachsimpeln mit Ronny, dem Taz-Unioner und ein paar Stammgästen. Via Skype-Verbindung zu meinen Eisern-trotz(t) Handicap-Freunden inklusive Jeff, der das Spiel in Amerika verfolgt. Endlich Anpfiff, jetzt doch arg angespannt.

 

 

Die Mannschaften tasten sich ab. Als Micha in der 9. Minute die Gelbe kassiert, durchfährt es mich: Der Herthaner wäre durch gewesen! „Abstände!“, ruft einer von der Tür aus, die Polizisten haben ihre Wanne verlassen. Ecke Union, ein Herthaner fällt um, gelernt ist gelernt. Aber verdammt schnell sind sie. Giki ist zur Stelle, als sie schon wieder durch sind, kriegt den Ball voll in die Eier.

Debakel statt Tusche-Lied

Dann befällt mich, genau wie die im Abstand neben mir Sitzenden, bleierne Müdigkeit. Ach wäre dieser Mist endlich vorbei. Hertha bestimmt das Spiel, ist gefährlicher, lamentiert sich zur ersten Gelben. Die Wanne steht noch draußen. Da, ein Freistoß für uns, fast aus Tusche-Position. Wie am 5. Februar 2011 singen wir sein Lied – doch der Ball streift am Ende knapp an der linken Torecke vorbei. Dann endlich Pause. Wir gehen kurz raus, die Polizeiwanne fährt weg.

Nach kurzem Hin und Her nebst einem erneuten gefährlichen Angriff der Charlottenburger nimmt das Debakel seinen Lauf. Mustergültig herausgespieltes und eiskalt verwandeltes 1:0, auf dem Fuße gefolgt vom zweiten Gegentor. Jubel aus dem hinteren Raum. Und jetzt? Ziehen sich die Blauen pomadig zurück, um selbstherrlich die Führung zu verwalten? Pustekuchen, sie wollen mehr – und schon fällt das 3:0. „Polente ist zurück!“, kommentiert einer das Geschehen vor der Tür. „Die steigen wieder alle aus!“

Ich will zurück ins Stadion

Unsere Mannschaft ist weiter hoffnungslos unterlegen. Und noch einmal schlägt es ein in unserem Tor. Als ich pinkeln gehe, höre ich von der Leinwand das Gebrüll der Fußballer auf dem Sportplatz. Als unsere mal den Ball haben, rufe ich: „Jetzt haben wir sie!“ Ernte ein paar kleine Lacher. Wir alle sind weit weg vom Schuss und mindestens ebenso machtlos wie unsere Spieler. Mein Nachbar haut noch eine Runde Rhabarber-Schnaps rein.

Genau jetzt traf das ein, was ich vor über 9 Jahren, direkt nach unserem 2:1 im Oly, Freund Berndte fragte: „Was ist, wenn die uns mal fertig machen? So richtig nach Strich und Faden, meine ich!“ Es fühlt sich dumpf an. Und ja, es tut saumäßig weh, auch am folgenden Morgen. Auch am Mittwoch – und doch hoffe ich, dass unsere Spieler da die ersten bitter nötigen Punkte holen. Ich will zurück ins Stadion. Draußen am Balkon weht meine Fahne des Eisernen V.I.R.U.S. „Bitte den Raum in alphabetischer Reihenfolge verlassen!“, zeigte gestern einer Humor. Eisern.


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