Werbung


Union Berlin feiert Sieg über Hertha BSC - Pyro ist manchmal ein Verbrechen

Union Berlin Derbysieger - Hertha verliert

Bildquelle: Frank "Nussi" Nussbücker [], via Wikimedia Commons (Bild bearbeitet)

Trotzig röhrt der gute, alte Zweitakt-Motor durch die Nacht. Ich döse vor mich hin. Weiß ich doch mit Olafsohn einen der besten, sichersten Fahrer neben mir auf dieser Fahrt mit dem Eisernen Oldtimer aus DDR-Zeiten. Immer wieder drehen sich Leute zu uns um, etliche grüßen uns, den Barkas, all die Union-Insignien an und auf dem feuerwehrroten Gefährt. So langsam fühle ich mich wieder wohl nach diesem Fußballspiel.

Auch an die Hinfahrt erinnere ich mich gern. Zusammen mit Imbisswagen-Ronny auf der Viktoria nach Köpenick! An der Weidendammer Brücke eine Traube blau-weiß und ein paar Meter weiter rot-weiß gekleidete Fußballfreunde. „Mal sehen, ob wir unsere Tüte Bier an den Herthanern vorbei kriegen“, sage ich scherzhaft zu meinem Freund Ronny. „Hi Nussi!“, grüßen mich einige, die ich von meinen Lesederbys kenne. Eine paar letzte Umarmungen, wir wünschen uns was, dann gehen wir zu den Unionern.

Derbymodus läuft

Von da an herrscht Derby-Stimmung. „Ha Ho He“, schallt es von dem einen, „Eisern Union“ von unserem Schiff. Die Herthaner müssen außen herum, dürfen aus Sicherheitsgründen nicht durch die Innenstadt. Zu viele Brücken … Auf der Viktoria sind auch einige Herthaner, zusammen mit ihren Eisernen Kollegen von der Hertha-Union-Freunden. Wir trinken zusammen, quatschen, hin und wieder singen wir gegeneinander. Als die Herthaner mitkriegen, dass ich ihren Schlachtruf mit „Hertha in die Spree!“ komplettiere, lachen sie. Genau so ist es auch gemeint. Probleme? Fehlanzeige!

Als ich eine Stunde vor Anpfiff die Treppe zum Umlauf runter renne, komme ich nur noch mit letzter Mühe in meinen Block oberhalb vom Mittelkreis. Immerhin, sie kennen mich so gut, dass alle ein bisschen zur Seite rücken, auf dass ich gerade noch so reinpasse. Schräg hinter mir Dana, Jo und Hannes, dank der Steher-Dauerkarte eines von jetzt an befreundeten Union-Sponsors. Los geht’s!

Pyro und ein Becher voller Pisse

Der Gästeblock prall gefüllt. Das Banner unter ihnen erzählt von Kämpfen, von denen ich nichts weiß. Längst hab ich vergessen, dass da drüben auch Freunde von mir stehen. So ist das eben. Sportis Lied singen wir heute besonders laut, vor allem: „Und wer dit nich kapiert, der soll zu Hertha gehen!“Union schießt aufs Tor, Hertha schießt Pyro aus dem Block in Richtung Spielfeld und Zuschauer. „Und wir lieben unsern Club, und wir sind stolz auf ihn!“ Wieder antworten sie mit Pyro-Geschossen, in Gedanken frage ich einen mir gut bekannten Herthaner: „Darf ich für die Strafe ‘nen Becher voller Pisse spenden?“

Angepisst fühle ich mich allemal. „Scheiß Union!“, schallt es zu uns rüber. Oh, sie brauchen uns einfach, genau wie die aus HSH! „Wir sind Unioner, wir sind die Kranken!“ Auf dem Rasen liegt sich der eine oder andere Blau-Weiße wund – ja ich weiß, ich empfinde das alles sehr einseitig, genau wie wohl jeder im Block, egal, welche Farben er trägt. Wir singen Lied auf Lied, schon kommt unser Mantra, mit 0:0 geht’s in die Pause.

 

 

Zum Glück keine Panik

Wieder haben wir Unioner zu verabschieden. Darunter einen 81-jährigen Opa, der zu sagen Pflegte: „Sitzen ist was für alte Leute.“ Heute sind die Enkel zum ersten Mal ohne ihn im Block, während Opa uns aus Block H unterstützt. Als das Spiel wieder angepfiffen wird, scheinen mir Jahre vergangen zu sein. Die Rückkehr ins Hier und Jetzt fühlt sich an wie Knüppel auf den Kopf.

Die Waldseite brennt lichterloh rot, der Gästeblock brennt ebenfalls, dann geht’s wieder los: Pyro aufs Spielfeld, auf die Haupttribüne, via Tribünendach in Sektor 4. Die ersteren sehen die Geschosse zumindest lange genug heranfliegen, für die Leute in Sektor 4 kommen die Geschosse jetzt auf sofort. Wir sehen, wie die Menschen zur Seite springen. Das wäre uns hier nicht möglich – die Panik möchte ich mir nicht vorstellen.

Aus dem Rauch wird ein Tor

„Das ist nicht euer Ernst!“, sagt unser Stadionsprecher. Haben die ne Vollmacke?, schießt es mir durch den Kopf. Ist das jetzt Dynamo Westberlin? Aber nein, so was habe ich weder von Hohenschönhausern, noch von Hansa- oder FCM-Anhängern erlebt. Das Spiel ist längst unterbrochen, wird es abgebrochen? Diese Truppe darf um nichts in der Welt gewinnen – aber noch wichtiger: Hoffentlich kommen alle lebendig hier raus!

Als der Schiri irgendwann auf den Elfmeterpunkt vorm Hertha-Tor zeigt, ist mir das schon fast egal. Ich hab nichts gesehen, hatte meine Augen und Ohren längst ganz woanders. Videobeweis – auch das noch. Es dauert lange, dann zeigt der Schiri erneut auf den Punkt. Polti läuft an, der Keeper ist fast dran, die Maschen tanzen. Schreiend reißen wir die Arme hoch. Von mir aus kann unser Spieler sich nach einem Gänseblümchen gebückt haben – dieses Gegentor gönnen ich der Hertha aus tiefstem Herzen.

Klassenkampf wie in der Problemschule

Endlich, nach 10 Minuten Nachspielzeit, der Schlusspfiff. Weitaus heftiger prägt sich mir ein anderes Bild ein: Auf der Waldseite steigen schwarz Gekleidete übern Zaun, wollen ganz offensichtlich den Platz stürmen. Union-Spieler treten ihnen entgegen: der Käpten, Manuel Friedrich – und allen voran ein plötzlich gefühlte 5,90 Meter großer Rafa Gikiewicz. Der wird fast angegangen, dann siegt seine mentale Stärke. Wir feiern ihn, den Retter dieses Siegs.

 

 

Wir haben gesiegt, ich bin heiser – und doch ist heute für mich alles anders als nach jedem anderem Spiel. Hertha hat verloren, wunderbar! Und doch fühle ich mich nicht als Sieger, bin einfach nur frustriert und wütend. Die womöglich steile Choreo vom Anfang hab ich längst vergessen. Das war heute ganz in echt Klassenkampf: 3b gegen 3c!

Stadion oder Wehrlager?

Jugendliche Kampfgruppen rauben einander Fanschals, Banner oder Fahnen, um sie im eigenen Block zu präsentieren und anzuzünden. Wenn sie sich durch Wälder jagen, auf Feldern die Fressen und andere Körperteile ramponieren, sollen sie das von mir aus tun. Passt ja wie Faust aufs Auge in der gegenwärtigen Stimmung im Land. Ich habe aber absolut keinen Bock, dass denen das Stadion allein gehört! Das gilt für Kampfgruppen jedweder Farbe.

Was aber gestern im Gästeblock abging, ist das ober Mieseste, was ich bislang in unserem Stadion erlebte. Dagegen nahm sich das letzte Spiel unserer Zweeten gegen HSH als das reinste Freundschaftsspiel aus. Ich hoffe sehr, dass wir das bei unserem Gegenbesuch im Oly etliche Ligen niveauvoller hinkriegen. Sofern es nach dem Scheiß gestern überhaupt zu einem Spiel mit Zuschauern wird. Geisterspiele haben sich die Charlottenburger gestern redlich verdient.

Was bleibt, was kommt?

Enttäuscht bin ich von fast allem, was da gestern abging. Am meisten von unserem Gegner, auf Platz, Rängen und in der Vereinsführung. Fanden die anderen im Gästeblock das geil, als diese Knallköppe uns beschossen? War es den Spielern im blau-weißen Trikot sowieso scheißegal, weil sie auf dem Rasen einfach nur ihren Job tun? Haben die keinen Käpten oder sonst wen, der den Idioten im Block entgegentritt? Umso dankbarer bin ich Rafa und unserer Mannschaft, die gestern auch und gerade nach Abpfiff als echte Unioner auftraten – und als Menschen mit großem Kämpferherz.

Idioten gibt es – wie fast immer –auf beiden Seiten. Das war auch gestern so, aber einige Typen im Gästeblock haben nahezu alle Grenzen überschritten, die man überschreiten kann. Was wäre der nächste Schritt? Schüsse mit scharfer Munition? Nein, ich werde meine Hertha-Freunde weder verhöhnen, noch irgendwie blöd anmachen. Ich hoffe, wir können eines Tages darüber reden. Denn das müssen wir. Eisern heißt dit!


Werbung