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Frank Nussbücker: Ein Sieg für die Seele - Union bezwingt Wolfsburg

Union Berlin fährt Sieg gegen Wolfsburg ein

Bildquelle: Harleypaul on Tour [], (Bild bearbeitet)

Sieg, Sieg und nochmals Sieg – für den 1. FC Union Berlin! Nach was für einem Spiel?! Der Gegner foulte, doch die Gelben kassierten zunächst nur wir. Der Gegner holte sich ungefährdet die goldfarbene Ballbesitz-Ananas und ballerte satte 13 x auf unser Tor – na und? Unsere rannten gut 8 Kilometer mehr, verteidigten beherzt, gekonnt oder glücklich und veredelten zwei von fünf Torschüssen mit dem uns alle zur Ekstase bringenden Tanz der Maschen – Eisern Union!

Union und Betriebssportgemeinschaften, das ist eine lange Geschichte. Zu Ostzeiten besuchten uns diverse BSGen aus ostdeutschen Provinzstädten wie Böhlen, Riesa oder Gera, und längst nicht immer fegten wir die beim Kampf um den Auf- oder gegen den Abstieg vom Platz. Die neuen West-BSGen verfügen allesamt über sehr viel mehr Kohle als wir und kommen aus westdeutschen Provinzstädten wie Leverkusen – oder eben Wolfsburg. Auch gegen die müssen wir spielen. Letzte Saison hätten wir mit echten Unparteiischen fast gegen sie gewonnen.

Streit um Zahlen und Gs

Schön, dass nach elend langer Stadionverbannung zumindest ein paar Tausend von uns hautnah dabei sein können, wenn unsere Fußballgötter nun die dritte Saison in Folge An der Alten Försterei um Erstligapunkte kämpfen. Für viele von uns ist es allerdings schmerzhaft, dass nicht so viele Unioner ins Wohnzimmer dürfen, wie darin Platz fänden. Längst hat sich die „Alle oder keiner“-Diskussion in jene um 3 oder 2Gs verwandelt. Die entbrannte besonders heftig im „Länderspiel-Loch“ der letzten beiden Wochen.

Zahlen werden gegeneinander aufgewogen. Viele von uns legten eindringlich dar, wo für sie die Solidarität mit „den anderen“ aufhört und welches in ihren Augen die schlimmere Ausgrenzung ist. Ganz sicher werde ich das Dreifach-G verfluchen, sollte ich gegen Bayern und/oder zum Derby kein Losglück haben. Am Impf-Experiment nahm und nehme ich teil, weil ich mir davon im Falle einer Ansteckung einen milderen Krankheitsverlauf erhoffe. Unsere Tochter möchte ich indes noch nicht mit einem Notfall-zugelassenen Stoff geimpft wissen.

Freiwillige Stadionabstinenz

Das hat mit etwaigen Langzeitwirkungen zu tun. Die nehmen meine Liebe und ich für uns in Kauf, nicht jedoch für die unserem elterlichen Schutz anvertraute Zehnjährige. Die hat zum Glück ohnehin keine Lust mehr, ins Stadion zu gehen. Viel lieber tritt sie – mit ihren Freundinnen und ohne Zuschauer – selbst gegen den Ball. Wie auch immer jeder von uns darüber denkt, Fakt ist: Wir dürfen nicht alle ins Wohnzimmer, und das schmerzt.

Vom Wolfsburg-Spiel nun schloss ich mich – gänzlich freiwillig und unter zugegeben luxuriösen Bedingungen – aus, indem ich mich mit Liebe und Tochter auf Ferienreise begab. An den Ufern eines wunderschönen Waldsees der Märkischen Schweiz erlebte ich am eigenen Leib, wie sich das Nicht-Dabeisein anfühlt: Am Abend vorm Spiel fand ich nicht in den Schlaf, weil ich an nichts mehr anderes denken konnte als an Union.

Jetzt zählt nur noch Union!

Am Spieltag vollzog ich im Geiste all jene Schritte, die ich jetzt normalerweise gehen würde. Minutiös klapperte ich all die Treffpunkte und Zwischenstationen auf meinem Weg in den Block ab. Nebenbei erfuhr ich dank mobilem Internet, wer sich jetzt alles wo und wie in die Spur begab. Schon sehe ich meine Stadion-Nachbarn von der Mittellinie im Block stehen, will mein Mund in ihre Gesänge mit einstimmen. Jetzt zählt keine „Experten“-Meinung zu welchem Thema auch immer, jetzt gilt nur eins: Union soll gewinnen!

Und unsere Mannschaft stürmt vor, Schuss aufs Tor – Eisern Union! Dann aber kommen die VW-Spieler. Erster Angriff – Marvin klärt! Der nächste Vorstoß klingt im Union-Ticker saugefährlich: Schuss gegen die Laufrichtung unseres Torwarts, doch Knoche bringt sein Knie dazwischen, gar nicht weit von der Torlinie entfernt – Eisern! Und das wars noch lange nicht. Sie kommen über links, Pass in den Strafraum zu einem frei Stehenden – der Ball knallt an den Pfosten!

Gelb nur für Rot!

Dann darf Max einen Freistoß treten. Er bringt den Ball auf Sturmpartner Taiwo, doch der kann daraus nichts machen. Ohnehin wird er scharf gedeckt, kommt kaum noch zum Zuge. Und die West-BSGer foulen, was das Zeug hält – bislang ohne Konsequenz seitens des Kartenmanns. „Eine Frechheit, was die Niedersachsen inklusive Arnold sich hier erlauben dürfen“, stellt einer von der Mittellinie seine Wut in die Schrift – für jene, die wie ich heute nicht dabei sein können, danke dafür!

 

 

Dann gibt’s doch Gelb – für das womöglich erste Foul eines Unioners. Nur zu gut weiß ich, welche Wut so etwas hervorbringt. Schon wieder Angriff VW: Andi kommt aus dem Kasten und klärt – leider auf einen gegnerischen Fuß. Der Schuss aufs nun leere Tor streicht über die Latte, Aufatmen! 1:6 führt die BSG, zumindest was die Schüsse aufs Tor angeht. Dann ist Pause, unsere Torlinie bleibt unüberwunden.

„Sie haben es nicht anders verdient“

Das Spiel läuft noch keine 5 Minuten – noch vor wenigen Jahren hatten die Steinis und ich gerade jetzt Bammel davor, dass unsere Mannschaft noch nicht wirklich aufm Platz ist. Mittlerweile ist das genau jene Phase, in der Fußballgötter zuschlagen: Gewonnenes Kopfballduell, Max Kruse bekommt das Spielgerät anvertraut. Er passt auf Genki, der ein Auge für Taiwo hat. Schon hat der wuchtige nigerianische Nationalspieler den Ball am Fuß, um ihn durch die Beine des Keepers in die Maschen zu schicken – „Tor für den 1. FC Union Berlin!“, brülle ich Bäume und See an.

„Sie haben es nicht an…“, lese ich eine an der Mittellinie getippte Zeile, und vollende sie im Geiste bereits mit „…erkannt!“ Doch, ehe mich die Wut endgültig blind macht, gewahre ich die geschriebene Botschaft in ihrer Gesamtheit: „Sie haben es nicht anders verdient!“ Dem kann ich mich nur mit einem kräftigen „Jawollja!“ anschließen. Der Spruch gilt, und zwar für beide Mannschaften! 2:6 Torschüsse, das liest sich beim Stand von 1:0 Toren einfach nur bestens. Und sie greifen gleich nochmal an – dieses Mal leider gestoppt.

Erinnerungen an Prag - Becker macht den Deckel drauf

Die nächste Nachricht: Gelb für Knoche – verdammter Mist, unser Abwehr-Recke verwarnt, und noch 35 Minuten bis Buffalo! Sehr gern würde ich jetzt lange, lange keine weitere Nachricht mehr lesen, ob vom Ticker, von der Mittellinie oder sonst wo. Dann kommt sie doch: Wolfsburg ist durch – Marvin klärt, wie wunderbar. VW fällt nichts mehr ein, lese ich – und denke sofort: Jetzt bitte nicht wie neulich in Prag! Noch 25 Minuten bis Buffalo! Dreifachwechsel Grün, unter anderem ihr Wunderstürmer kommt rein. Der versucht sich sofort zweimal gegen Andi Luthe – zweimal vergeblich.

Urs wechselt doppelt, und wir kassieren die nächste Gelbe. „Das kannst du nicht wollen!“, schicke ich Fußballgott mein wütendes Gebet, „die dürfen heute einfach nicht in unser Tor treffen! Die Wende kam mit Weghorst – wie beschissen klänge das denn? Und siehe da: Die „Wende“ kommt nicht mit deren, sondern mit unseren Einwechslungen! Voglsammer auf Becker – und der köpft das Ding prompt hinter die Torlinie! Sieg trotz Schiri, Fußballgott ist Unioner, und beim nächsten Mal sind wir hoffentlich gefühlt alle wieder hautnah dabei, Eisern!


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