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Frank Nussbücker: Die fast erfüllte Hoffnung auf das Wunder - Union-Pleite bei RB

Halbfinal-Aus für Union Berlin

Bildquelle: Harleypaul on Tour [], (Bild bearbeitet)

Es war das schwerste Los im Topf – auswärts gegen die Leipziger Filiale des in Fuschl am See beheimateten Brause-Konzerns. Die Truppe des österreichischen Inhabers dazu in bester Form: Sowohl in der Europa League als auch im DFB-Pokal steht seine Dosentruppe im Halbfinale und hat große Chancen, für ihren Besitzer mindestens einen Titel in den Salzburger Flachgau zu entführen. In der Bundesliga rangiert Salzburg-Nord auf Rang 3 und schlug letzte Woche Tabellennachbarn Bayer Leverkusen in dessen Stadion.

Auch unsere Mannschaft fand in den letzten Wochen wunderbar in die Spur zurück. Siege gegen Köln, Hertha und zuletzt gegen Europapokal-geschwächte Frankfurter zeigten eindrucksvoll: Wir sind jetzt auch von den Ergebnissen her wieder auf dem Weg nach vorn. Aber nun begann diese schwere Woche mit zwei Auswärtsspielen beim weltweit erfolgreichsten Ableger des Brausekonzerns, den wir bislang nur im heimischen Wohnzimmer schlagen konnten.

„Wir hol(t)en den FDGB-Pokal …“

Unseren bislang 3 Siegen standen vor Anpfiff dieses DFB-Pokal-Halbfinals ein Unentschieden und 5 Niederlagen gegenüber. 4 davon im ehemaligen Leipziger Zentralstadion, dazu die denkwürdige 0:4 Klatsche unseres Bundesliga-Debüts. Ihr steht das nicht minder denkwürdige 2:1 vom 22. Mai 2021 gegenüber, welches uns das Tor nach Europa öffnete. Für mich ebenfalls unvergessen: Das überlegen herausgespielte 2:1 vom 3. Dezember 2021, bei dem unsere Mannschaft aufm Platz die 465 Millionen Marktwert des Gegners einmal mehr auf Flaschenpfand-Niveau herunterdrückte.

Das war an diesem 20. April 2022 nicht zu erwarten – und doch sah ich bereits unser bislang 5. Halbfinal-Teilnahme eines nationalen Pokalwettbewerbs als großen Erfolg an. Dass wir es bislang dreimal schafften, dann auch ins Finale vorzudringen, zählte für den heutigen Spielausgang ebenso wenig wir der Fakt, dass wir der erste ostdeutsche Verein wären, welcher sowohl FDGB- wie DFB-Pokal gewinnen könnte. Zudem gehört das letzte Wort des vorangegangenen Satzes ohnehin nicht zum Sprachgebrauch unseres Cheftrainers.

Einmal mehr als gallischer David

Wie immer in unserer Historie ging unser Verein, heute unterstützt von insgesamt vielleicht 8.000 Eisernen auf den Rängen, als klarer Außenseiter in dieses Habfinale. Bei einem großen hiesigen Wettanbieter hätte man bei einem Sieg unserer Mannschaft den Einsatz von 10 Euro glatt versieben-fachen können. Der Erfolg des Favoriten brächte dagegen lediglich ein Plus von 4,70 Euro. Ähnlich klar sah auch ich professioneller Pessimist die Sache, und doch war da dieses Fünkchen Hoffnung in mir – wie immer, wenn mein Verein gegen welche noch so übermächtigen Na-Unds dieser Welt auch immer antritt.

Volle Pulle Union“, lautete das Motto auf den vom Verein zur Karte ausgegebenen Hoodies – ein Synonym für „Auf geht’s Union, kämpfen und siegen!“ So und nicht anders, egal, welcher Sponsor am Ende welches Ergebnis auch immer präsentieren würde. Salzburg Nord bislang ohne ein einziges Gegentor im Pokalwettbewerb – und auch noch „Mario Gomez fest integriert“, wie der Fernsehkommentator bemerkt. Mir ist schlecht, vor Aufregung wie Abneigung. „1. FC Union Berlin!“, skandieren unsere Auswärtsfahrer, dann der Anpfiff.

 

 

Bemühte Dosen, Union einen Tick gefährlicher

„Auf geht’s Leipziger Jungs“, singen die Anhänger des Produkts aus Fuschl am See. Und Team Dose rückt über rechts vor. Mehrere Einwürfe, sie kommen unserem Gehäuse immer näher. Fast ein Konter von Union, er wird aber abgefangen. Das tun auch die Unseren, wieder fast ein Konter. Schneller Einwurf der Heimmannschaft, sie kommen über rechts, bleiben am Ball. 5 Minuten vorbei, Salzburg Nord muss hintern herum. Unsere Mannschaft steht bislang sehr gut. Jetzt greifen sie an, doch der Torwart hat ihn sicher.

Wieder spielen sie schnell nach vorn, erst einmal abgewehrt. 9. Minute, Mittelfeldgeplänkel, beide Teams sehen zu, dass sie keinen Fehler machen. Wieder ein langer Ball der Salzburger, aber abgefangen. Den nächsten Angriff bringen sie bis vor unser Tor, aber der Winkel ist zu spitz, der Ball trudelt weit rechts raus. Jetzt Union über links, wunderbar gespielt von Genki, weiter auf Becker. Der wird gestört, Einwurf Union. 14. Minute, Ecke Union, Pfiffe aus den Heimblöcken. Dann geht’s vors Tor, Unsicherheit beim Keeper, 2. Ball ans Außennetz – warum keine zweite Ecke?!

Nach 15 Minuten Fußball-Atmosphäre

Jetzt endlich bricht Minute 16 an, die Unioner auf den Rängen werden laut, verdammt laut singen sie unser Bundesliga-Lied. „Union ist da … auf den Rängen … irre Bilder“, schwärmt der Kommentator. Auf dem Platz stören Unsere früh, die Firmen-Mannschaft belauert unsere Hälfte. Plötzlich sind sie durch, ein Dosenspieler fällt in unserem Strafraum – Elfer? Nee, Abseits wars. Dennoch, sowas darf heute nicht zu oft passieren. „Und wir lieben unsern Club, und wir sind stolz auf ihn – FC Union aus Berlin!“, schallt es von den Rängen.

 

 

Dann ist Union fast durch, Taiwo wirbelt die Abwehr durcheinander, kann aber nur in die Arme des Torwarts abschließen. Schade, er hatte den perfekten Moment verpasst. Die Heimtruppe spielt ungenau, leider können Unsere noch nichts daraus machen. Auch der nächste gegnerische Angriff kommt nicht auf unser Tor, Abstoß. Jetzt Taiwo über links, auch er wird abgefangen. „1. FC Union Berlin!“, bringen unsere Auswärtsfahrer den nächsten Gesang. Seit sie mitmischen, herrscht hier eine echte Fußball-Atmosphäre. Noch verhindert es unsere Mannschaft nahezu komplett, dass der Gegner gefährlich über die Außenbahnen agiert.

Hinten sicher, vorne Becker!

Ein schneller Eiserner Angriff: Awoniyi auf Käpten Trimmel, der über seine rechte Seite vorstürmt und ins Zentrum passt, genau auf Sheraldo Becker, der die Pille beherzt ins Dosentor nagelt – was für ein Jubel im Stadion und überall dort, wo Unioner sind. Einfach nur großartig, was unsere Mannschaft hier zeigt: Hinten dicht, nach vorne gefährlich und in dieser 25. Spielminute auch erfolgreich. Union setzt gleich nochmal über Links nach, wird aber abgeblockt. Einer haut Becker um, Rache für gerade eben, als Prömel einem Salzburger wehtat?

Der nächste Angriff der Heimtruppe mündet in einen Unioner Konter, aber sie fangen unser Doppel aus Sherry und Taiwo ab. Kurz drauf foult Rani Khedira im Mittelkreis, fast die Gelbe. „Wir sind Unioner, wir sind die Kranken!“, singt der aktive Teil des Stadions, welcher unser Motto-Shirt „Volle Pulle Union“ trägt. Kann unsere Mannschaft diese Disziplin wahren? Salzburg-Nord über links – in die Arme von Rönnow! Jetzt greift Becker über rechts an – schade, er geht nicht rein. Den nächsten gegnerischen Angriff entschärft Abwehrchef Robin Knoche, Frederik Rönnow hat den Ball.

„FC Union, Unsre Liebe …“

Unsere stellen das Zentrum zu und lassen auch über außen keinen vors Tor. Möchte nicht wissen, wie viele Kilometer sie am Ende mehr geschrubbt haben als die Leute des Österreichers. Unsere setzen immer wieder gefährliche Nadelstiche. In der 37. Minute Riesenchance für die Salzburger, sie kommen frei zum Schuss – nebens Tor, Aufatmen! Und der Gegner baut wieder auf, von den Rängen höre ich was von „Auf geht’s, Leipziger Jungs.“ Wow, die Heimzuschauer machen heute auch noch mit? Schnell sind die in Leipzig stationierten Angestellten aus Fuschl am See.

In der 39. bekommen sie einen Freistoß aus guter Position. Rönnow faustet ihn links raus, aber sie kommen schon wieder, drücken Unsere in die eigene Hälfte. 42. Minute, von den Rängen erklingt unser Mantra: „FC Union, unsre Liebe, unsre Mannschaft, unser Stolz – Union Berlin!“ Knoche sieht nach taktischem Foul die Gelbe – weitersingen, bis zum Halbzeitpfiff und weit darüber hinaus. Der Kommentator ist begeistert und ich atme erst mal durch. Die Mannen des Österreichers beginnen Halbzeit 2 mit einem von einer Abseitsstellung gekrönten Angriff. Auf den Rängen übernehmen die Unioner.

Eiserne Nadelstiche

Aufm Platz ackert Salzburg-Nord: 47. Minute, ein Kopfball rechts nebens Tor, war gefährlich! Zwischendrin Vorstöße von Taiwo. In der 50. dringt er über rechts in den gegnerischen Strafraum – schade, er kann nichts draus machen. Die Firmentruppe bringt ein Offensivfoul an unserem Keeper, Freistoß Union. Sie bemühen sich, und Unsere kontern – jetzt bedient Taiwo seinen Partner Sheraldo Becker – Mist, er kriegt ihn nicht. Noch stehen Unsere hinten gut. Ein Schuss aus der zweiten Reihe – Rönnow hat ihn!

 

 

Unsere Auswärtsfahrer zelebrieren seit etlichen Minuten unseren Schal-Wechselgesang. Salzburg-Nord baut mal wieder auf, draußen machen sich etliche ihrer Wunderstürmer warm. 57. Minute, Konter Union, Becker über links, passt ins Zentrum zu Awoniyi – Mist, er kann nichts draus machen, das war eine verdammt gute Chance! Salzburg-Nord über rechts, abgewehrt, Neuaufbau. Mist, sie sind durch, wieder fällt ein Dosenmann im Strafraum – einen Tick bevor der Unioner bei ihm war. Schiedsrichter Brych schüttelt den Kopf, geht aber Video-gucken.

Geschenkter Ausgleich

Dann muss er sehen, dass Nkunku bereits vorher einknickte“, bekennt der Kommentator, doch der von mir eigentlich geschätzte Referee zeigt auf den Elfmeterpunkt. Sollen die jetzt tatsächlich durch ein Schiri-Versehen zum Ausgleich kommen? Sie tun es, und jetzt wird sogar das Heimpublikum mal kurz laut, und der Werbeverkaufsschau-im Autohaus-Moderator kann seine Zeremonie starten. „Wo du auch spielst, ja wir folgen dir …“, übernehmen unsere Auswärtsfahrer wieder das Zepter. Urs wechselt Schäfer für Genki ein. Käpten Trimmel ackert über rechts, wird gestoppt, er kämpft weiter, statt zu fallen und zu lamentieren.

Dosen-Ecke, Rönnow fängt den Ball ab. In Minute 68 Becker auf Awoniyi – Mist, das sah gut aus, aber leider nicht drin. „He FC Union, olé, olé FC Union!“, und Unsere stürmen vor. Wieder zögert Taiwo einen Tick zu lange mit dem Abschluss. Dieser Kack-Elfer darf dieses Spiel nicht entscheiden, schreie ich meinen Computer an. Wieder Taiwo über rechts, wird angegriffen, zugestellt, sein Schuss geht links vorbei. Beide Mannschaften zeigen einige Angriffsbemühungen.

Noch eine Minute bis Buffalo …

In der 75. tauscht Urs seinen Sturm aus. Für die unermüdlich wirbelnden Becker und Awoniyi kommen Voglsammer und Michel. 5 Minuten später holt sich Rani seine Gelbe ab. Von den Rängen kommt was, das nach „Ihr seid Sachsen, asoziale Sachsen“ klingt, aber wohl von den Heimfans kam. Besangen sie womöglich die Schönheit des Salzburger Flachgaus? Dann wieder die Unioner mit unserem Schlachtruf. Auf beiden Seiten schlampig vorgetragene Spielzüge. Dann tankt sich Michel durch, zieht ab – Eckball Union! Ein paar Pfiffe – und gleich die nächste Ecke.

Sie versandet, wird zum behäbig aufgebauten Vorstoß der Firmentruppe. Minuten vergehen, dann wieder Union. Mist – Michel kommt nicht zum Schuss. Freistoß für die Dosen, kurz gespielt, dann ein Schuss weit übers Tor. Schon ist die reguläre Spielzeit herum, 3 Minuten gibt’s obendrauf. Die Fuschler Kicker kommen nicht durch, Unsere können sich nicht mehr befreien, schon erklingt unser Mantra, schwach gekontert von „Leipziger Jungs“. Angriff der Dosen über links, Baumgartl klärt auf der Linie

 

 

Ein verdammt starker Auftritt

… und eine Dosenkicker bringt den Ball zurück, flankt von rechts ins Zentrum, wo einer der neu eingewechselten Angreifer zum Kopfball kommt und den Ball in unser Tor befördert. Die Firma des Österreichers führt durch einen gut herausgespielten Treffer am Ende der 2. Minute der Nachspielzeit. Anstoß – Unioner stürmen vor, aber Michel kommt nicht dran, Mist verdammter. Noch schnell eine Rudelbildung, die Nerven liegen blank, Brych zückt für jede Streithahn die Gelbe – und dann ist das Spiel vorbei. Nach kurzem Jubler des Heimpublikums unser Mantra, der Namen unseres Vereins, eine Verballhornung des Fuschler Wappentiers.

Schweini und sein Partner können nicht in Ruhe fachsimpeln, weil unsere Auswärtsfahrer so laut singen. Wie bitter ist dieses Endergebnis! Nach diesem Spiel, in welchem unsere Mannschaft mal wieder derart über sich hinauswuchs! Mein Freund Christoph fand hierzu bessere Worte als ich: „Ob so eine Chance aufs Pokalfinale in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren noch einmal wiederkommt – ob überhaupt zu unseren Lebzeiten, lässt sich nicht sagen. Aber DASS wir sie hatten, sollte uns dankbar machen gegenüber der Mannschaft, dem gesamten Team und dem Verein. Ein unglaublich starker Auftritt.“ Eisern Union.


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