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Frank Nussbücker: Union kann gegen sich nicht gewinnen - FCU-Pleite gegen Union

Spielbericht zu Union Berlin gegen Gilloise

Bildquelle: Harleypaul on Tour [], (Bild bearbeitet)

Kaum hatten wir den sensationellen Punkt gegen die Bayern errungen, besangen wir auch schon die Vorfreude auf „Europapokal, Europapo!“ Dass uns die Gästefans antworteten: „In Europa kennt euch keine Sau“, ließ mich zufrieden grienen. Ist dem so? Wäre mir schnurzpiepe! Union spielt international, zum zweiten Mal hintereinander und gleich mal eine Etage höher als letzte Saison, das zählte für mich. Obendrein zum aller ersten Mal in unserem Stadion, welches immerhin schon über 100 Jahre alt ist.

Ich gebe zu: Anfangs war ich ganz kurz ein klein wenig traurig, dass wir nicht quasi allesamt im städtischen Olympiastadion Union kieken würden. Dann aber war auch mir klar: Wir können nicht seit Jahren vehement für Stehplätze eintreten – und kaum sind die auch in diesem Wettbewerb zumindest probehalber zugelassen, verlassen wir unser Zuhause und ziehen wieder in ein Sitzplatz-Stadion um. Immerhin zeigten wir letzte Saison, dass auch im Oly eine Super-Stimmung möglich ist.

Das wird ne harte Nuss

Nun also ging es Schulter an Schulter in unserem Wohnzimmer ran – gegen einen Gegner, der wie wir Union im Vereinsnamen führt. Nach langer Durststrecke spielte Royale Union St. Gilloise wieder erstklassig: Aufstieg mit sensationeller Folgesaison, Heimspiele zunächst noch in ihrem altehrwürdigen Stadion, dass ebenfalls über 100 Jahre aufm Buckel hat – und nicht zu vergessen: die Anfeuerungsgesänge von außerhalb, als auch die belgischen Fußballfans ausgesperrt waren. Klar hätte ich gern Manchester United, die Roma, Olympiakos oder wenigstens den FC Zürich als Gegner empfangen …

… aber waren diese Belgier im Grunde genau der richtige Widerpart für uns? Allerdings rechnete ich damit, dass unserer Mannschaft deren Spielweise das Leben aufm Platz weitaus schwerer machen würde als vielleicht so manches schwer reiche Team aus einer europäischen Spitzenliga. Dass ihr „Marktwert“ gerade mal ein Drittel von jenem unserer Fußballgötter beträgt, beruhigte mich so gar nicht, eher im Gegenteil. Vermeintlicher Favorit zu sein, war so recht noch nie das Ding unserer 1. Herren. Also richtete ich schnell ein Stoßgebet gen Fußballhimmel: Urs‘ Matchplan, hilf!

„Betreten verboten“, ein UEFA-Witz?

Bereits am Morgen des Spieltags war an Arbeit nicht zu denen. Regnen würde es, massenhaft – wie immer, wenn UNVEUROPA ist … So standen wir unterm weinenden Himmel vorm Stadion. As sie endlich die Tore öffneten, flüchtete ich mich gleich nach dem Motto-Shirt-Kauf unters schützende Traversendach, das es etliche Jahrzehnte lang hier nicht gab … Die Steinis waren ebenfalls vor Ort, und André reichte mir sofort ein Bier. Im Gästeblock machten sie Ballett, und wir sangen: „Union spielt in Europa…!“

Pfiffe, als die belgischen Unioner den Rasen betraten, kurz darauf „Union, Union!“ Fußballfans können auch witzig sein, meine ich kein bisschen ironisch. Das Banner „Wir brauchen die Alte Försterei wie die Luft zum Leben“ bedeutete eine Einstimmung auf die Choreo. Christian darf den Rasen nicht betreten, so ein Blödsinn! Wumme stimmte uns gut ein: „Rot und Weiß sind die Farben von Berlin“ vor „Eisernet Lied“. Die Hymne muss sehr früh kommen – wohl, weil die UEFA noch ihre „bescheidene“ Werbung möglichst effektvoll platzieren will?

Unsere Begleiter sind dabei!

„Und wir lieben unsern Club, und wir sind stolz auf ihn“, machen wir hier unser Ding. Im Gästeblock – uns und unserem Stadion zur Ehre – Pyro mit gelbem Rauch, auf der Waldseite die Motto-Choreo: FUSSBALL WO ER HINGEHÖRT – STADION AN DER ALTEN FÖRSTEREI – los gings! Wir verlieren die Platzwahl, genau wie letzten Sonntag. Anders als die Bayern schicken uns die Belgier auf die falsche Seite – und es sollte nicht die letzte „Fiesheit“ bleiben …

„Wir singen Rot, wir singen Weiß“, stellten wir klar, wer von denen aufm Rasen unsere Unioner sind. Die tauchen sofort vorm gegnerischen Tor auf – schade, kein Abschluss. „Wir sind die Kranken!“, und die schwarzen Unioner vor unserem Kasten! Der Schuss geht zum Glück daneben. „Mann, ist der schnell!“, ruft mir André zu. Unsere stören früh, aber schon wieder sind die Belgier fast durch. Freistoß für uns nahe der Mittellinie. Das Waldseiten-Banner „Das Gedenken an Euch setzt Kräfte frei – Auch an diesem Abend seid Ihr endlich dabei“ erinnert an all jene Unioner, die dieses Spiel aus Block H verfolgen, das ist mein Union!

 

 

Royale Union eiskalt

Wir kommen nicht durch, und immer wieder setzt der Gegner schnelle Konter. Nach einem kurzen Moment irritierender Ruhe beginnen wir unsere Bella Ciao-Version. Ecke Royale Union, ihr Keeper kommt mit nach vorn – wohl nur, um einem seiner Vorderleute was zu sagen. Ecke Union Berlin, Trimmi tritt – schade, den zweiten Ball hat der Tormann. Ecke Royale Union, Rønnow pflückt den Ball aus der Luft. Das ist gut, aber die Schwarzen sind gefährlicher als wir!

Trimmi im gegnerischen Strafraum, der Keeper faustet den Ball heraus. Irgendwann erneut eine Flanke des Käptens, der Kopfball geht knapp links nebens Tor! Nach dem Schließerlied singen wir „1. FC Union Berlin – und alle!“ Aufm Rasen zwei Teams, die sich gegenseitig neutralisieren. Unsere kommen einfach nicht durch – unser altes Problem, werden wir vom Gegner gezwungen, das Spiel zu machen. Und dann schlagen sie auf Union-Art zu: Ein schneller Konter, drin ist der Ball, wir liegen hinten!

Langsam kommen unsere Chancen

„Wir lieben Union, jawoll!“, singen wir unbeirrt weiter, immer lauter. „Die sind genauso eklig wie wir!“, ruft mir ein Blocknachbar zu. Der Schiri pfeift zur Pause, „kämpfen und siegen!“ Urs wird später sagen, wir haben die erste Hälfte verschlafen. Dieser Gegner hatte uns eingelullt – und dann brutal zugeschlagen, aber noch gab es eine zweite Hälfte! Doch die begann so, wie die erste endete: Unsere schicken einen Ball weit nach vorn – für wen? Royale Union kontert, darf ungestraft foulen und bekommt dazu einen Freistoß! „Hier regiert der FCU!“

Nun auch noch eine Gelbe für uns, „kämpfe, Union kämpfe!“ Jetzt mal fast ein Angriff über rechts. Der nächste gegnerische Konter geht zum Glück übers Tor, Rønnow wäre geschlagen gewesen! „F-C-U-Fußballclub Union Berlin!“, und sie wären fast durch gewesen, leider Abseits. Der Keeper hat viel Zeit für seinen Abstoß. Kurz darauf Foul an Becker – nix da, befindet Herr Schiri. In der 56. Minute endlich ein zu Ende gespielter Angriff, „Eisern Union!“ Freistoß für uns, Tusche-Position, leider ein Offensiv-Foul. „Wo du auch spielst, ja wir folgen dir …!“

Er will nicht rein!

Wieder unsere, aber der finale Pass kommt nicht an. Urs bringt Michel und Schäfer für Genki und Behrens, letzterer war blass heute. Sven Michel haut sich sofort beherzt rein, dann wieder ein Konter. „Die machen fast keine Fehler!“, steckt mir André. Unsere erkämpfen eine Ecke. Sie beißen sich rein, ackern, tun, werden immer stärker, drängen auf den Ausgleich. „… Gib niemals auf und glaub an Dich, ja dann kann der Sieg nur dir gehörn!“, seit über zehn Minuten skandieren wir den hier hingehörenden Gesang. Gestocher im gegnerischen Strafraum, sie können sich befreien!

Unsere erhöhen den Druck, Michel kommt zum Abschluss, drüber! Becker über links, leider das gleiche Ergebnis. Er wirkt mitunter allein gelassen, ihm fehlt sein verletzter Sturmpartner – und er rettet uns mindestens einmal hinten das Leben! „Kämpfen und siegen!“ Nun aber, unsere über links, Kopfball – der verflucht starke Tormann hat ihn. Was für ein Mist, das war eine Riesenchance! Flanke von links, wieder Kopfball, wieder nichts. Den Ball erobert, der Schuss streicht links vorbei.

Union ist mehr als Fußball

88. Minute, unser Mantra erklingt. Ein Belgier fällt, Hubschraubereinsatz! Schon beginnt die Nachspielzeit, 4 Minuten. Was ist da los, der Schiri geht Fernsehen gucken, zeigt Sven Michel die Rote Karte! Das hat gerade noch gefehlt, dann der Schlusspfiff. Die schwarzen Unioner jubeln, gehen zu ihren Fans. Unsere beginnen ihre Runde, von unserem Mantra begleitet. „Union kann nicht gegen sich selbst gewinnen“, brachte es ein Eiserner von den Rängen auf den Punkt. Dieser Gegner hatte uns mit unseren Mitteln geschlagen, so waren wir heute die Deppen mit dem Ballbesitz.

Wir klatschen, singen weiter: „FC Union, unsre Liebe, unsre Mannschaft, unser Stolz, unser Verein: Union Berlin … Union Berlin!“ Die Spieler stehen vor der Waldseite, einige klatschen mit. Jungs, saugt diese Energie auf! Wir sind und bleiben bei euch, wir sind Union, wir alle! Ein wenig wirkte es so, als würden die aus dem Gästeblock mitsingen. Unser Singen machte, dass mich der Frust nicht besiegte. Vielleicht kam diese Niederlage zum genau richtigen Zeitpunkt? Dieser Gegner hatte uns den Spiegel vor die Nase gehalten, lernen wir daraus! Diesen Abend werde ich nie vergessen – und bin voller Stolz. Das letzte Wort im Stadion gehrte uns, Eisern Union!


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