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Frank Nussbücker: Mit Kevin gegen Fürth - Union mit spätem Remis

Union Berlin erkämpft sich Remis gegen Greuther Fürth

Bildquelle: Harleypaul on Tour [], (Bild bearbeitet)

Zwei Gedanken trieben sich vor diesem 100. Bundesligaspiel unseres geliebten Clubs in meinem Kopf herum: Endlich wieder ein Fußballverein – oh nein, nicht ausgerechnet Greuther Fürth! Ich vermied es tunlichst, all die verschiedenen Konstellationen durchzurechnen, wo wir nach diesen letzten drei Spieltagen stehen könnten. Nur das eine rechnete ich aus: Schlimmstenfalls wären wir Tabellenachter! Selbst das hätte ich vor der Saison unterschrieben, aber jetzt …

Und Urs sah die für uns so unbequeme Spielvereinigung aus der Stadt des Grüner-Biers auf der PK in meinen Augen vor allem als Wundertüte. Aber jeder von uns wusste, dass er die bereits abgestiegenen Kleeblätter keinesfalls auf die leichte Schulter nehmen würde. Sympathisch fand ich, dass er darauf verzichtete, sie künstlich stark zu reden. „Jedes Spiel ist ein schweres Spiel!“, das reichte allemal als alles umfassende Antwort.

Sven Michel nicht auf der Tribüne!

Unser Gesicht müssen wir auf dem Platz zeigen!“, blieb er bei seiner Linie. „Unsere Wahrnehmung ist entscheidend, da steigt uns nichts zu Kopf!“ Ausgesprochen humorvoll wurde die Pressekonferenz, nachdem der unermüdliche Matze Koch den Cheftrainer fragte, was er denn nun mit Superjoker Sven Michel vorhabe: Bank oder von Anfang an? „Ja, die zwei Möglichkeiten gibt’s“, erwiderte Fischer knochentrocken. Als Bunki nachhakte, ob demnach die Tribüne auf keinen Fall eine Option für unseren Superjoker sei, verriet Urs: „Das schließe ich aus … das kann ich mit Bestimmtheit sagen.“

Das war schon eine ganze Menge an Information. Die Torwartfrage wurde zum Glück bereits vorab öffentlich gemacht, so musste die nicht auch noch abgehandelt werden. Ich für meinen Teil verzichtete erstmals seit Ewigkeiten darauf, vor der Partie nochmal unsere bisherigen Aufeinandertreffen mit Fürth durchzugehen. Gefühlt vereinte sie seit vielen Jahren der Nachspiel-Kommentar eines Blocknachbarn: „Unsere Niederlagen gegen Fürth werden immer knapper!“ Klar würde das kein Selbstläufer werden – und klar war jetzt dieses eine Match das Wichtigste aller bislang 100 Bundesligaspiele!

Der lange Weg zum Platz

Ich erlebte es als Helfer meines Eisern trotz(t) Handicap-Freunds Kevin. Der begrüßte erstmal alle seine Rollifahrer-Kollegen – und so sah auch ich vorm Zaun endlich einmal Sebastian „Sam“ Brown wieder. Der Weg bis zu Kevins Rolli-Platz nahe des Gästeblocks war endlos, denn immer wieder musste er stehen bleiben und mit Kumpels und Kollegen quatschen. Auf der Tribüne traf ich – ebenfalls seit ewiger Zeit – Friedrike Wittchen, die dieses Mal auch ihre Zwillingsschwester Anna dabeihatte. Beide kenne ich seit Jahrzehnten. Als wir drei noch jung waren, durfte ich die beiden Mädels als Schulhelfer begleiten. Heute stehen sie – trotz(t) Handicap – fest in ihren Berufsleben.

Auch Handicaper Mirko und seinen Papa traf ich, und als Ritter Keule um uns herum alle Fotowünsche erfüllt hatte, schloss er uns in seine Arme. Kurzum – am Platz angekommen, war ich quasi durch mein halbes Leben gereist. Nun aber Fußball – den sah ich dank unserer Sitzposition aus ähnlicher Perspektive wie einst bei Stahl Oranienburg – nur aus besserer Perspektive, wie Kevins Arbeitgeber und Unioner-Kollege Christoph bemerkte. Er und weitere Leiter und Beschäftigte der Caritas-Werkstatt Oranienburg waren im Stadion unsere Nachbarn.

 

 

Mit Kevin auf Trip

Zusammen genossen wir während der Hymne die Jubiläums-Choreo der Ultras auf der Waldseite. Besonders deren Zentrum, zwei riesige Schlosser im Blaumann und mit gigantischen Werkzeugen, beeindruckten mich sehr. Dann ging das Spiel los – und Fürth griff an. „Watt machen die denn da!“, brüllte Kevin, dessen Unterarme das gesamte Spiel über eine Gänsehaut zeigten. Mit jeder Faser lebt er das Geschehen auf dem Rasen, wenn unser Verein spielt. 6. Minute, Doppel-Ecke für Fürth, am Ende fängt Rønnow den Ball. „Schneller! Laufen! Los!“, fordert Kevin.

Der längst nicht volle aber beherzt laute Gästeblock trommelt und singt, wir stimmen ein in das Eiserne „Auf geht’s Union, kämpfen und siegen!“, gefolgt von „1. FC Union Berlin – und alle!“ Kevin brüllt und singt, letzteres tue auch ich. Wir sind zunächst die einzigen Schreihälse hier, das ist uns egal. Längst sind wir auf Trip, und der heißt: Union spielt! Direkt vor unseren Nasen sprintet Sheraldo Becker heran, passt ins Zentrum zu Taiwo Awoniyi, aber der kommt nicht ran – dennoch geile Idee! Fürther und Unioner singen gegeneinander an – und wir mittendrin, weil so nahe am Gästeblock.

Zu viel Fürth

Haben wir Abstoß, will Kevin ihn stets schnell haben – und kein verdammter Gegenspieler soll es wagen, den Ball zu erobern. Angriff Union – „Was willst du denn, das war niemals Abseits!“, kann ich meinem Freund nur zustimmen, „Los Becker, schneller!“ – wir greifen wieder an. Die nächsten Minuten verbringen wir singend: „Wir sind Unioner, wir sind die Kranken!“ Wir müssen laut singen, denn quasi neben uns rockt der Gästeblock. Ein paar Meter rechts von uns sitzt ein Fürther Handicaper in seinem Rolli. Zwischendrin versorge ich uns mit Cola und Bier.

Sheraldo und Taiwo stören sehr früh, ansonsten spielt mir hier verdammt viel Greuther Fürth. 17. Minute, wir zucken zusammen, als der Schuss eines Grünschwarzen gegen die Unterlatte donnert, von der aus der Ball zum Glück nicht die Torlinie passiert. Mann, waren wir da nackig! Union über links, dann aber schon wieder Fürth! „Geht doch mal ran da!“, brüllt Kevin meinen Gedanken heraus. „Einwurf Union: „Trimmel, mach ihn weit!“, fordert Kevin, doch zunächst liegt da Dominique Heintz im Mittelkreis. Mist, er muss runter, für ihn kommt Julian Ryerson.

Einmal Grill und zurück – Weltreise

Frank Nussbücker mit Kevin

Bildquelle: Frank Nussbücker [], (Bild bearbeitet)

Dem „Eisern!“ „Union!“ Wechselgesang folgt unsere Bella Ciao Version – und Becker wieder über rechts! Freistoß Union von links, Gestocher, Kampf – Freistoß von rechts, Kopfball, der Keeper hat ihn, schade. Noch immer singen wir die Melodie des alten Partisanenlieds, da bricht rechts von uns Jubel aus. Mist verdammter, Fürth führt – und auch noch durch einen klasse Torschuss! Wir singbrüllen weiter, während der nächste Fürther Angriff auf unserem Tornetz landet. Schon erklingt unser Mantra, sprich: Die 1. Halbzeit ist fast rum.

Union attackiert, wieder Becker über rechts – schießt leider direkt in die Arme des Keepers. Da kommt Taiwo herangeflogen, bekommt das Ding fast noch fast – Mist! Noch ein Freistoß für uns, Gießelmann genau auf den Keeper. Dann ist Pause, Kevin braucht ne Bratwurst. Zusammen bahnen wir uns den Weg durch dicht stehende Massen von Unionern. Obgleich sie uns wirklich alle äußerst zuvorkommend durchlassen und alle freundlich bleiben, denen Kevin über die Füße fährt, brauchen wir wieder ewig, weil er ständig in Gespräche verwickelt wird. „Mach meinen Betreuer nich an!“, brülle ich meinem Schulkameraden Ekim zu, auch den habe ich ewig nicht gesehen.

Von der Rolle, aber Knoche!

Zweite Halbzeit, Voglsammer ist für Genki auf dem Platz. Marcel und sein Sohn, ersterer ist auf Arbeit Kevins Chef, haben sich mittlerweile zu uns gesellt. Haben wir zu laut gebrüllt? Egal, nun singen wir gemeinsam. Das hilft beim Takt-halten. Als Sven Michel an uns vorbei zum Warmmachen läuft, feuern wir ihn an. Er winkt Kevin zu. Freistoß Union – der Torwart hat ihn. Freistoß Fürth – „Watt issn hier los, ist der behindert?!“, bringt Kevin den Satz, den er einst beim Eisernen Krippenspiel auf der Bühne schmetterte.

Knoche wehrt ab – nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal in diesem Spiel. Die erste Halbzeit gehörte den Gästen und ihrer Spielweise. Schon wieder kommen sie, über rechts, direkt vor uns – Rønnow! Kurz drauf attackieren sie über links, Ball im Aus, Abstoß. Derart geht es weiter. „Unsere sind von der Rolle“, mahnt Marcel. „Die lassen sich deren Spiel aufdrücken!“, Kevin ist sauer. Dann singen wir gemeinsam den Namen unseres Clubs, halten zusammen den Takt. Wieder klärt Knoche bärenstark, wen wir den nicht hätten!

Und er michelt ihn rein!

56. Minute, endlich wieder ein Eiserner Angriff! Dann erneut Fürth, aber Abstoß. Union übernimmt die Initiative, auch wenn vorn noch nicht wirklich was Tolles dabei herauskam. „Die Richtung stimmt!“, ruft Marcel, „wir müssen uns in dieses Spiel reinbeißen!“ 64. Minute: Mitten im Wechselgesang laufen Michel und Behrens an uns vorbei zur Bank. „Die Joker kommen!“, begeistert sich Kevin – und ich sehe das keinen Tick „vernünftiger“. Kurz drauf ein toller Angriff unserer Jungs – „Wo du auch spielst, wir folgen dir, und ist der Sieg auch noch so fern!“

 

 

Ich muss Bier wegbringen gehen. Als ich wieder rauskomme, greift Union wieder an. Sven Michel organisiert sich den Ball von einem Fürther – und michelt ihn eiskalt in die Maschen. Das Stadion explodiert, selbst hier auf der Tribüne nahe des Gästeblocks. Ja verdammt, ein typisches Tor des fightenden Tor-Michels bringt uns zurück! Wieder am Platz nehme ich die Glückwünsche für meinen erfolgreichen Gang entgegen. Zusammen geben auch wir nochmal alles beim Support!

Die Spiele sind sein Leben

Nach weiteren Eisernen Attacken greift auch Fürth wieder an. Vor unserem Tor liegen zwei Spieler am Boden, einer davon Robin Knoche. Er muss behandelt werden, steht schließlich auf. Mit schmerzverzerrtem Gesicht humpelt er vom Platz – und kommt zurück! Bittebitte, lass das nichts Bleibendes sein! Der Rest ist Singen, Brüllen, Eiserner Rausch. „Das sind keine Behinderten, das sind alles Kolleginnen und Kolleginnen!“, hatte mal ein Gruppenleiter auf Kevins Arbeit gesagt. Auch wir am Spielfeldrand waren einfach alles nur Fußball-Bekloppte, verrückt nach Union. Unsere Mannschaft warf alles nach vor, doch es blieb bei diesem 1:1.

„Einen Punkt gewonnen!“, resümierten Marcel und Christoph. Mittlerweile stimme ich ihnen zu, doch gestern nach Abpfiff war ich, genau wie Kevin, noch viel zu sehr auf dem Trip. Europa war mir weit weg, und auch von den Notarzt-Einsätzen auf Gegengerade und Waldseite bekam ich nichts mit. Das waren irre intensive Stunden an der Seite meines ETH-Freunds Kevin. „Für ihn sind Unions Spiele kein Trip, sie sind sein Leben“, vertraute mir die Eiserne Marén an. Ich bin dankbar, dass ich dies für zwei Stunden mit ihm teilen konnte. Zum Schluss machten wir alle doch noch ein Foto mit Ritter Keule. Während wir in den Bus des Fahrdiensts stiegen, sang die Waldseite noch immer – noch 75 Minuten nach Abpfiff. Ich liebe Union.


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