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Frank Nussbücker: Fast ein Sieg gegen gefährliche Gäste - Union Remis gegen Freiburg

Union Berlin spielt unentschieden gegen Freiburg

Bildquelle: Harleypaul on Tour [], (Bild bearbeitet)

Was für eine Aufregung – und ja, der Test ist negativ, ich kann dieses Jahr noch einmal ins Wohnzimmer gehen. Dieses Mal mit verwaister Waldseite, letztes Heimspiel der Hinrunde gegen einen Gegner, der uns hoffentlich mehr liegt als Slavia Prag oder Greuther Fürth. Von der spielerischen Klasse liegt der SC Freiburg vielleicht zwischen jenen beiden, die unserer Mannschaft die letzten zwei Spiele so überaus schwer machten.

Was den ominösen Marktwert angeht, liegen die Breisgauer klar vor allen bisher Genannten – ein gutes Omen? Sind unsere Fußballgötter einfach überspielt? Ist bei ihnen der Dampf weg wie bei mir gerade noch? Gut vier Stunden vor dem Anpfiff spüre ich, wie die Energie zu mir zurückkehrt. Ja verdammt, lasst uns heute Abend gemeinsam kämpfen um die noch immer so bitter nötigen Punkte. Ab ins Stadion!

Einsam an der Mittellinie

Hier sieht es hinter den Einlasskontrollen an den „ehemaligen“ Kassenhäuschen düster aus. Alle Buden zu, lohnt sich nicht für insgesamt 5.000 Menschen im Stadion inklusive Spieler und Stab. Lediglich die Zeughaus-Filialen sind erleuchtet und in Betrieb, einsam steht das Einsatzfahrzeug an seinem Platz. Fahrer Schmü spendiert mir einen Pfefferkuchen, die wackeren Unionprogramm-Verkäufer bieten das beste Stadionheft der Liga an. Verlassen auch das altehrwürdige Anzeigehäuschen, keine Tafeln in den Fächern, ein trauriger Anblick.

Daheim an der Mittellinie stehen nur welche, die ich nicht kenne. Paar Lücken sind ja noch, und es ist ja auch noch Zeit. Um mich herum kieken alle in ihre Handys, ein einziger schmökert im Unionprogramm. Ich fühle mich wie auf einem Sportplatz irgendwo. Endlich kommt Thomas Eisenbeiser mit seiner Weihnachtssingen-Mütze, zusammen mit ein paar Kumpels. „Eisern“, „Eisern“ begrüßen wir uns. Ach, den vor mir und seine Leute kenne ich ja auch. Auch wir sagen uns auf Unioner-Art guten Tag.

Attacke!

Als schließlich zwei der Motor Friedrichshain-Süd-Kämpen zu mir stoßen und ich links von mir Chrissy Schnuppe und Püs Mama entdecke, bin ich schon wieder fast Zuhause. Erst recht, als Götz das Anzeigehäuschen in Betrieb nimmt und die beiden Fächer mit je einer 0 bestückt. Die Spieler kommen rein, Applaus und „Union“-Rufe branden auf. Taiwo mit langer Hose, aber er gesellst sich zu denen, die von Beginn an auf dem Platz sind. Einige von Freiburg heißen nicht na und, sondern Fußballgott, aufm Platz die beiden Schlotterbecks.

Das finale „Eisern Union“ vor der Hymne kommt so laut, als wären heute alle hier, Zusammen mit Lothar dem Kämpen halte ich meinen Gegengerade-Schal hoch. Kaum ist das Spiel angepfiffen, jagen Unsere dem Gegner den Ball ab. Schnell nach vorn, Becker, Taiwo, Becker – Schuss aus spitzem Winkel, der Torwart macht alles dicht. Die Ecke bringt leider nichts ein. Wir singen „1. FC Union Berlin – und alle!“, unsere Mannschaft mit der nächsten Chance – „Eisern Union!“ Letzteres gleich noch als Wechselgesang von rechts nach links auf der Gegengerade.

Die Reflexe stimmen

Einem unserer Spieler unterläuft ein Fehlpass. „Du Penner!“, brüllt der Mecker-Opa rechts hinter mir. Das Paar unter ihm dreht sich zu ihm um: „Dit iss eener unserer Spieler, keen Penner! Wat bist’n du fürn Unioner?“, weisen sie den offenbar professionellen Motzer zurecht. Der pflaumt zurück, ich danke den beiden dafür, dass sie meine Gedanken ausgesprochen hatten. „Wir sind Unioner, wir sind die Kranken“ singen wir laut und ohne Herrn Motzer. Bis zum Abpfiff wird er sich mit keiner Silbe am Support beteiligen. Stört offenbar beim Meckern.

 

 

Der Menschen Bedürfnisse gehen auch auf unseren Stadionstufen weit auseinander. Zum Glück ging der Schuss der Freiburger nur an die Latte, saugefährlich war das allemal. „Oh Köpenick, du bist wunderschön!“ Unsere Gesänge kurz, aber knackig für ein nicht mal viertelvolles Wohnzimmer. Unten derweil ein Schüsschen aufs gegnerische Tor. Wieder Angriff Union, ein Freiburger motzt rum. „Auf die Fresse!“ zeigt Eisenbeisers Truppe Einsatz. Heute leider ohne das finale „Keine Gewalt!“ Der das brüllen muss und darf, ist heute leider nicht im Stadion.

Ein alter Bekannter aus „Friedenszeiten“

Unsere Offensive fährt sich fest. Angriff über rechts, der Pass in die Mitte kommt zu spät. „Wir lieben Union, jawoll“ messerscharf als Gegengeraden-Wechselgesang – und wieder eine gute Chance für uns. Mist, der letzte Ball kommt nicht an. Angriff Freiburg, Luthe hat ihn. Taiwo erkämpft sich vorn die Murmel, wird abgepfiffen. Nach der nächsten Chance singen wir seinen Namen. Links von mir erklingt das „Dö dödödö döp, döp…“, viel zu früh und aus meiner Sicht völlig fehl am Platze, denn Freiburg wird stärker.

„Awo, nich zaubern!“, schreit Lothar, kurz drauf fordern wir die Tribüne heraus: „Steht auf, wenn ihr Unioner seid“, gefolgt von: „Bleibt stehn, wenn ihr Unioner seid!“ Sie machen mit, wunderbar! Nach langer Zeit wieder ein Angriff, der Schuss geht weit übers Tor. Einer der Unseren am Boden, der Gästeblock ruft was auch immer, unsere Antwort: „Wir sind eure Hauptstadt, ihr Bauern!“ Die Gesänge gleichen jetzt Zitaten, auch das jute alte „Hasta la vista, olé“ aus DDR-Oberliga-Zeiten ist mit dabei.

Offener Schlagabtausch

Mist, Freiburg ist mit Ball am Fuß frei vor unserem Tor – Luthe schreitet beherzt ein und bekommt prompt den ihm gewidmeten Ruf. Freiburg foult, Freistoß für uns vor deren Sechzehner. Fast die Tusche-Position damals im Oly, denke ich, da erschallt bereits das Torsten Mattuschka-Lied! Leider versucht er es indirekt, der Ball kommt nicht an. Beide Tore werden nochmal recht ungefährlich maßgenommen, dann stimmen wir auch schon das Mantra an, Halbzeitpause.

Kurz nach Wiederanpfiff Angriff der Gäste, wieder kommen sie frei vor unser Tor, der Schuss aus spitzem Winkel schrammt knapp an unserem Gehäuse vorbei. Von links und rechts stürmen Gesänge auf mich ein, die nicht zusammenfinden. Der nächste Unioner Angriff geht klar übers Tor. Ein Freiburger fällt, ein weiterer fordert vom Schiri die Karte. Leider bekommt er sie nicht. Und schon wieder stürmen sie frei auf unser Tor zu – „Luthe, Luthe, Luthe!“

Eigentlich fast ein Sieg

Kurz darauf ein weiterer gefährlicher Angriff der Gäste. Bei uns klafft eine Lücke zwischen Abwehr und Mittelfeld, vereinzelte Gesänge werden trunkener. Jetzt aber: knackiger Schuss von Taiwo, Ecke, lautes Schlüsselklappern. Der Ball kommt gut in den Strafraum, dort bricht ein heftiges Flipper-Gewusel aus. Immer wieder das Spielgerät Richtung Tor, mal Latte, mal auf der Linie geklärt, mal dies, mal jenes, bis der Keeper ihn hat. Warum verdammt ging das Mistding nicht rein!?

Am Ende bin ich froh, als der Schiri abpfeift. Die wenigen Offensivaktionen der Gäste erschienen mir als die gefährlichsten dieses zähen Spiels. Erst in der Zusammenfassung am nächsten Tag wird mir klar, wie nahe wir hier einem Sieg waren. Egal, ich nutzte die Chance, etlichen Unionern ein frohes Fest zu wünschen, unter anderem dem Paar rechts vor mir. Sie wohnen auf der Waldseite und abgesehen vom Disput mit Herrn Profi-Meckerer fühlten sie sich wohl bei uns an der Mittellinie. Ich glaube, unsere Mannschaft braucht die Winterpause genau wie wir, Eisern Union!


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