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Frank Nussbücker: Der 1. FC Union Berlin ist gerade jetzt mehr als Fußball

Bildquelle: Frank "Nussi" Nussbücker [], (Bild bearbeitet)

Ich hatte schon lange nicht mehr so viel Eisernen Besuch wie gestern, an jenem nicht ausgetragenen 26. Spieltag unserer aller ersten Bundesliga-Saison. Gegen Mittag klingelte Schnacko an meiner Tür, der Eiserne Stickerbauer aus dem Nachbarhaus. Sein in Rot gehaltener Pin zum Nicht-Spiel ist von 6 kleinen Cartoon-Viren „infiziert“. Schnacko war in Eile, befand er sich doch auf direktem Weg in den Wedding, wo um 14.00 Uhr Eddylines Viktoria gen Köpenick ablegte.

Gestern nämlich wurde Eddylines neuer Ableger an der Fennbrücke eingeweiht. Die Fahrt ausfallen lassen, bloß weil das Spiel verschoben ist? Nee, iss nich, Kapitänin Simone Mann ist schließlich Unionerin, die lassen wir nicht im Stich! Wird ohnehin eine harte Zeit für ihre kleine Reederei. Erik Lautenschläger und seine Begleiter können mitfahren – die Tickets bezahlt er trotzdem, während an Deck sein Union-Song erklingt. Erik hat Tränen in den Augen. Alle Mann an Deck, noch einmal die Spree Richtung Wohnzimmer fahren und währenddessen Trinken für den guten Zweck: Eddyline muss leben!

Eddyline & Union-Barkas auf Eiserner Mission

Das Ganze ist keinesfalls eine unbedachte oder gar unverantwortliche Mission. Ein Mediziner checkt die Reisenden, ist mit an Bord. Jeder desinfiziert vorm betreten des Schiffs seine Hände. Auch zwei Bayern-Fans sind mit von der Partie. Auf geht’s, bei schönster Sonne, nach Köpenick. Der Taz-Unioner und sein Spross „Olafsohn“-Matthias am Steuer des Union-Barkas sorgen dafür, dass jeder, der mag, das druckfrische Unionprogramm zum Nicht-Spiel mit an Bord nehmen kann.

Dass das Heft überhaupt erschien, dafür sorgten die Nachfragen vieler Unioner sowie die Eisatzbereitschaft der Eisernen Programmierer wie der Druckerei vierC. Die beiden Männer im Barkas sind seit Stunden unterwegs, alle Bedürftigen Stellen mit Unionprogrammen zu versorgen. Vom Ableger nehmen sie Kurs auf meine Straße. „Wir sind in 6 Minuten vor deinem Haus, erwarten dich unten auf der Straße!“, weist mich Olaf per Telefon an.

Das Nicht-Spiel beginnt

Die Zeit reicht gerade so, dass ich oben aufm Balkon noch schnell meine Fahne des Eisernen Virus hisse – passend zum Thema wie die Faust eines Boxers auf dem Auge seines Gegners. Kaum stehe ich unten, knattert der rote Barkas heran. Kurze Corona-Umarmung, Olaf nutzt die Zeit, im Nachbarhaus einen Unioner mit Stadionheften und Plakaten zu beliefern. Kurzer Schwatz, dann müssen sie auch schon weiter. Die Zeughäuser erwarten dringend Nachschub, dazu einige Kneipen in Prenzlauer Berg und Friedrichshain – die noch aufhaben.

 

 

Meine Hefte unterm Arm, eile ich nach oben. Schnell paar Besorgungen in den umliegenden, halb leergeräumten Kaufhallen für Liebe, Kind und mich – und ab geht’s zu meinem Eisernen Freund Robert. Fast pünktlich zur Anstoß-Zeit treffe ich ein. In kleiner Runde „schauen“ bei selbstgemachter Pizza das Nicht-Spiel zu schauen – wollen einfach nochmal leibhaftig zusammen zu sein. Wer weiß, was die nächsten Tage und Wochen bringen?

Prost auf unsere Kneipen und unseren Verein!

Unterwegs erkundige ich mich bei Sam Paff, ob alle gut in Köpenick ankamen. Allen geht’s gut, sie trinken zusammen in unserer Coepenicker Stammkneipe, bis die mit sofortiger Wirkung die Pforten schließen muss. Die Wirtsfamilie sieht der Bedrohung ihrer wirtschaftlichen Existenz entgegen. Auch hier können wir helfen – zum gegenseitigen Nutzen! Planst du in nächster Zeit eine kleine private Feier, ist das mit einigen Formalitäten verbunden. „Fragt bitte euren Kneipier um die Ecke, ob er euch ein gutes Angebot machen kann“, lese ich im Aufruf meiner Köpenicker Wirtsleute.

Es tut gut, diesen Abend im kleinen Eisernen Kreis zu verbringen. Alle freuen sich über die Unionprogramme, die Pizza mundet vortrefflich. Zwischendrin die elektronisch Nachricht meines Blocknachbars Rolf: „Hab dir’n virtuelles Stadionbier mitgebracht. Prost, u.n.v.e.u.!“ Richtig, auch unseren Verein können wir unterstützen – mit virtuellem Speis & Trank beim Zeughaus. Unioner für Union, da leiste sogar ich mir mal ein Stadion-Pils, obendrein völlig ohne Kopfschmerz-Gefahr bei zu heftigem Genuss.

Keiner wird im Stich gelassen!

Schon immer war Union Berlin weit mehr als Fußball. Fußball für Menschen, Fußball pur – oder sagen wir besser: Als Unionerin und Unioner stehste nicht allein da, wenn dich das Leben in den Hintern tritt. Wir alle sehen völlig ungewissen Zeiten entgegen. Was die Gesundheit, vielleicht gar das Leben selbst angeht, aber auch, was die nötige Penunze für Essen, Trinken, Miete und Rosen betrifft. Wer verliert seinen Job, seine Aufträge – wer weiß, was noch alles?

Achten wir aufeinander. Anderen zu helfen, gibt nicht nur Karma-Punkte. Es kann sogar Spaß machen – und gibt allen Beteiligten ein gutes Gefühl. Schon morgen kannst du selbst Hilfe brauchen – und jemand ist zur Stelle, für den das ein Klacks ist. Schulter an Schulter – alles andere wäre nicht Union, sondern bloß Fußball. Und freuen wir uns auf die Zeiten, wenn unsere größte Sorge endlich wieder darin besteht, ob unsere Mannschaft beim Abpfiff einen oder besser gleich 3 Punkte eingesackt hat.


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