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Frank Nussbücker: Dosen versenkt, Punkte geholt - FCU feiert Sieg über RB Leipzig

Union Berlin besiegt RB Leipzig

Bildquelle: Harleypaul on Tour [], (Bild bearbeitet)

Laut Bundesliga-Tabelle wieder mal ein Spitzenspiel – und Union ist dabei! Trotzdem bin ich Tage, ja Stunden vor Anpfiff längst nicht so auf das Match meines geliebten Vereins fokussiert wie sonst. Das hat in diesem Fall sogar was Gutes: Ist nicht so viel Platz in meinem Schädel für die Emotionen, die ich gegenüber unserm heutigen Gegner hege. Selbst das Schweigegebot habe ich nicht mehr im Kopf, als ich mich Richtung Wohnzimmer bewege.

Viel mehr bewegt mich, dass ich heute viele von uns wohl für lange Zeit das letzte Mal im Stadion treffe – und viele dort auch heute nicht. Einige fehlen aus Protest gegen die gängigen Regelungen oder weil sie durch selbige vom Stadionbesuch ausgeschlossen sind, andere bleiben aus Respekt vor dem Virus fern. Ein Freund, Unioner und Allesfahrer seit Jahrzehnten, besucht regelmäßig seine hochaltrige Mutter und sagt: „Da iss mir dit zu riskant!“

Plötzlich doch Fußballstimmung

Ich freue mich, dass ich vorm Spiel noch einmal Potti treffe. Zusammen verkaufen wir ein paar Bücher im Waldseiten-Biergarten, ich kann ihm ein frohes Fest wünschen. Und so langsam bewegt mich dann doch die große Frage: Kann unsere Mannschaft vor der Winterpause noch ein paar Punkte zulegen? Vielleicht gerade heute, gegen die momentan doch etwas mauen Dosen-Kicker? Freitagabend, Flutlicht, so langsam ist mir nach Fußball!

Rein ins Stadion, ich heute mit Arbeitskarte auf der Tribüne. Einige Rollifahrer grüßen mich, wie schön wird es, wenn wir eines Tages in echt mal wieder eine Eisern Trotz(t) Handicap-Fahrt machen können! Hier und da ein kurzer Plausch, bis mich ein paar Unioner aus Oranienburg einladen, bei ihnen zu „sitzen“. Recht nahe am Gästeblock, und so höre ich die Brause-Claqueure irgendwas von „Leipzieg“ und „Rasenballspurt“ säuseln. Ins Intro der Hymne skandieren sie was weiß ich, endlich unser Einsatz, keine Dose mehr zu hören.

Wenn du ihn vorn nicht reinmachst …

Union über rechts vors gegnerische Tor, schade, der Pass in die Mitte kommt nicht an. Jetzt verstehe ich die rechts neben uns sogar: „Rasenballspurt Leipzieg.“ Unsere antworten: „Alle Bullen sind Schweine!“ Dritte Minute, fast ein Konter der Dosenstädter, begleitet von „He Errbää Leipzieg!“ Sechste Minute, Ecke für Union: Kurz ausgeführt, Flanke, Kopfball vors Tor. Taiwo Awoniyi ist zur Stelle, setzt sich wuchtig durch und drückt den Ball genau dorthin, wo er nun mal hinmuss! Union führt, ich schreie allen Frust heraus, der Gästeblock schweigt, wir feiern Taiwo und Union!

Anstoß des Konstrukts, und schon gleich wieder ein Eiserner Konter, „Wir sind Unioner, wir sind die Kranken!“ Nach 9 Minuten greifen die mit dem in Österreich beheimateten Ochsen auf der Brust auch mal an, besungen von „Leipziger Jungs“, dann wieder Union: Überzahl in der gegnerischen Hälfte – Mist! Dann Becker über rechts, in die Mitte, Torschuss – den muss er doch machen! Trotzig geht der Ball knapp links vorbei. Anderthalb Minuten später schießt ein Gegner aus achtundzwanzig Metern auf unser Tor, Aufsetzer, drin ist er.

Solidarität statt Dissen

Kurzer Jubel im Gästeblock, dann „Luthe-Luthe“-Rufe der Unseren. Unser Keeper sah gerade unglücklich auf, umso wichtiger genau diese Reaktion! Ich bin stolz auf die Unioner auf den Rängen, auch um mich herum brüllten wir mit. Solidarität statt Dissen, wie sehr wünsche mir das an vielen anderen Stellen! Weiter geht’s mit „Eisern Union!“, auch das die richtige Antwort auf ein Gegentor. Auf dem Platz erliegen sich die Red-Bullianer erste Freistöße. „Ein Freistoß gegen Union ist nie berechtigt!“, diktiert mir mein Nachbar in den Block.

„Vorwärts Rasenballspurt Leipzieg“, vernehme ich unsere Gäste, sind die jetzt auch noch ein NVA-Club? Was sagt der Inhaber aus Österreich dazu? Schluss mit Gefrotzel, die Gäste übernehmen aufm Platz das Zepter! Der Schiri pfeift jetzt auch mal ein gegnerisches Foul – statt den Vorteil abzuwarten. Der Freistoß bringt nichts ein, genau wie bald drauf die nächste Ecke. In der 22. Minute mal wieder Freistoß Makranstädt für nix. Sheraldo Becker kriegt auch noch Gemecker, muss seinen Schuh draußen anziehen, die Gäste spielen weiter.

Mit gemischten Gefühlen in die Pause

Der Eiserne Support kommt heute nicht recht in Schwung. Zum Glück sind nur die Dosen da, andere würden uns das Fell über die Ohren ziehen. Deren Spieler fallen außerordentlich schnell und gut. Irgendwann endlich wieder Union: Max über rechts – schade, seine Flanke kommt nicht an. Kurzes „Rasenballspurt“, ausgekontert mit „Eisern!“ – „Union!“ Treffer, das Wechselspiel zwischen Waldseite und Gegengerade war hier genau das richtige Mittel!

 

 

Angriff Union, schnell und durch – nein, der Keeper hat ihn, das war doch schon wieder ein Muss-doch-drinne-sein! Die Gäste singen, die Gäste bestimmen das Spiel. Unsere erkämpfen einen Freistoß, fast eine Torchance. Dann ist der Gegner in der Mitte durch – knapp drüber. Nahe Sektor 4 erklingt „Wir sind Unioner, wir sind die Kranken“, weiter links „Und wir lieben unser Club, und wir sind stolz auf ihn:“ Beide versiegen bald, und unsere Mannschaft im Vorwärtsgang. Mit dem Mantra und gemischten Gefühlen geht es in die Pause. Ich hoffe stark auf die Kraft von Urs‘ Pausentee.

Ja verdammt, der Ball ist drin!

Weiter geht’s, Union greift an, die mit dem Ochsen fallen, das Stadion erschüttert von grellem Pfeifen. Unsere greifen über links an, „Wir lieben Union, jawoll!“ Auch das ein gutes Mittel, leider hat der Keeper den Ball. Union schon wieder gefährlich vorm Tor – Mist, ein Ochse fällt, die haben den Ball. Es schneit, der Tanz der Flocken wunderschön, aber schon wieder ist ein Gegner hingefallen. Der geschenkte Freistoß begleitet von „Schieber“-Rufen. Rückpass auf Andi, der stolpert, Ecke Leipzig! Kurz drauf hat ihn Luthe sicher.

Schneller Konter Union – Mist! Immerhin Ecke. Gießelmann auf Max, der beherzt in den dicht bestandenen Strafraum flankt. Irgendwie gelangt der Ball zu Timo Baumgartl – und jaaaaaaaaaa verdammt, das Netz zappelt, Union führt, ich Pappnasen da drüben! Unser Jubel, unsere Umarmungen noch heftiger als vorhin, meine Stimme weist erste Rostspuren auf. Auf dem Rasen entwickelt sich ein heftiger Kampf, in dem unsere Recken fast immer die besseren Mittel finden. Eisern, wie Robin Knoche und Kollegen sich in die gegnerischen Angriffe werfen!

Schwächen auf Rasen und Rängen

Union gefährlich über rechts, wieder nix. Gelb für uns, der schlimm Hingefallene steht sehr schnell wieder auf. „Das sagt doch alles!“, schreit mir mein Nachbar zu. Jetzt auch mal taktisches Foul des Gegners samt gelber Karte, oho. Mein Nachbar, ich kenne ihn als besonnenen, umsichtigen Geschäftsführer eines gemeinnützigen Unternehmens, besitzt eine markerschütternde Stimme! Er reißt uns mit, lässt uns mit ihm aufspringen, begeistert vom Kampf unserer Mannschaft.

Die erweist sich mehr und mehr als das bessere Team unten auf dem Platz. Der irrsinnige Marktwert unseres Gegners nähert sich mal wieder Flaschenpfand-Niveau. Irre, wie unsere Fußballgötter ackern und brillieren. Einzig die Verwertung hochkarätiger Chancen lässt uns wieder und wieder zusammenfahren. Irgendwann höre ich hinter mir eine sich überschlagende Kinderstimme. Mir geht es ebenso. Was zudem schwächelt, ist der gemeinsame Support. Ja, heute vermisse ich tatsächlich unsere Ultras!

„Immer wieder Eisern Union“

Waldseite und Gegengerade ackern, kommen aber oft nicht zusammen, der Funke springt nicht über – schreibe ich von der Tribüne herab, ich weiß. Was immer wieder hilft, ist unser vielleicht ältestes, ureigenes Mittel: EISERN UNION! Ob schnell hintereinander oder als Wechselgesang, der alte Schlachtruf erweist sich heute wieder als DAS probate Mittel. Immer wieder erschallt er laut von den Rängen, immer wieder erobern unsere Fußballgötter den Ball – und immer mehr nähert sie die 90 auf der Stadionuhr. Drei Minuten Nachspielzeit, drei Ewigkeiten.

Die müssen doch längst um sein! Mein Nachbar schüttelt den Kopf: „Erst eine Minute vorbei.“ Leipzig über rechts, abgewehrt zur Ecke. Luthe hat den Ball – und alle Zeit der Welt. Nein, er holt sich heute keine weitere Gelbe – und Union greift an, zum hundertdrölfsten Mal jaaaaaanz knapp vorbei! Da erklingt er, der verdammte Schlusspfiff! Wieder gewann das bessere Team – und wieder mal waren wir das! Die Milliardärs-Truppe ist am Ende tatsächlich zum Hinlegen platt – und wir überglücklich. Ein wohl letztes Mal zu Tausenden im Stadion, passt gut auf Euch auf, da kommt noch einiges auf uns zu. Eisern Union!


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