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Frank Nussbücker: Union Berlin nach Sieg über Köln vor Klassenerhalt

Union Berlin feiert Auswärtssieg beim 1. FC Köln

Bildquelle: Frank Nussbücker [], (Bild bearbeitet)

Am Tag des letzten Nicht-Heimspiels gegen Schalke machte ich mit Töchterchen und einer Freundin ihres Flohmarkts vorm Haus. Vom Balkon wehte meine Fahne des Eisernen V.I.R.U.S., und je näher der Anpfiff rückte, desto weniger konnte ich mich aufs Mini-Markt-Treiben konzentrieren. … Wir fingen gerade an, abzubauen, da riss ich jubelnd die Arme hoch. Jaaaaaa, wir führten – seit gefühlten Jahren zum ersten Mal wieder!

Ja, ja, ja, es dauert nicht lange, da vermeldet der Eiserne Ticker auf meinem Handy, dass wir den Ausgleich kassierten. „Sch…!“ und „Kämpfen und Siegen!“, schallte es über den Hinterhof, während wir die Stühle und Tische nach hinten trugen. Die Mädels wollten oben noch ein bisschen Film kieken – und ich ließ mich erschöpft auf meine Matte fallen. Irgendwas zwang mich, das Handy hervorzuholen. Auf einer Internetseite fand ich wider Erwarten einen Stream, der den Rest des Spiels zeigte – und wider entgegen aller Vorsätze kiekte ich, nur mal kurz, wie ich mir versprach.

Das Singen des Zauberwalds

Klar, dass es weh, unsere leeren Ränge zu sehen und zu „hören“ – aber Moment, hatte dieser Stream die Funktion „Fangesänge“? Nee, künstlich klang das nicht. Leise ja, wie aus‘m Wald – verdammt, da sangen Unioner von draußen echtestes Union-Liedgut. Kurz darauf erhielt ich von Freunden Beweisfotos, gar ein Filmchen. Im mehr als korrekten Abstand zu Nebenmann oder eben solcher Frau standen und sangen da Unioner auf dem Waldweg, der um unser Wohnzimmer führt. Für etliche Momente vergaß ich Abstiegskampf, Fußball ohne Menschen-Scheiß und allen anderen Mist.

Da standen Unioner und taten, was nun mal zu tun war. Statt Frust zu schieben oder sich in Web-Portalen auszukotzen, waren sie in den Wald gezogen, um Union zu leben, unsere Mannschaft zu unterstützen. Der Verein bittet uns aus Gründen, dies kein zweites Mal zu tun, aber dieses eine Mal war es das genau richtige Signal, für uns, für die Mannschaft. Möge sie möglichst viel von dieser Kraft mitnehmen zum Auswärtsspiel gegen den Effzeh nach Coronia!

Ne Handbreit Wasser unterm Kiel!

Das Köln-Spiel erlebte ich endlich wieder Mal an Bord der Viktoria. Am Ableger bekannte Gesichter, „Eisern Union!“ Abstände einhalten, beim Einstieg und an Bord. Graue Wolken ziehen auf, Gewitter sind angesagt: „Na und?!“ Biere werden geordert, Simones Crew stellt Regenschirme zur Verfügung. Steward Sam Paff weist uns in einer Lehrvorführung in deren korrekte Benutzung ein, jeht doch!

Ich stehe wie sonst hinterm Schiffsführer. „Wie sieht‘s aus“, frage ich den langzopfigen Käpten, „übersteht Eddyline die Krise?“ Seine Worte übersetze ich für mich in: „Wasser steht Oberkante Unterlippe.“ Verdammt, es soll mindestens eine Handbreit unterm Kiel stehen. Das wird eine Sch… Saison für die Spree-Schifffahrt. Schon jetzt sehen wir viele stillgelegte Kähne. Sorgen wir dafür, dass es bei Eddyline weitergeht. Die Viktoria muss fahren, hört Ihr, Unioner?! Unserer Reederei zu helfen macht sogar Spaß. Super Besatzung, super Mitreisende, und jedes Bier schmeckt nicht nur, sondern hilft unserer Reederei!

 

 

Bier, Spiel und Gesang

Wir befinden uns im Westteil der Stadt, trotzdem winken uns Leute zu. Schals hoch, Eiserne Lieder und unser Schlachtruf. Macht Spaß, Botschafter unseres Vereins zu sein. Und das Spiel gab’s natürlich auch zu sehen. Allerdings musste mich Kapitänin Simone erst drauf aufmerksam machen: „Dit Spiel läuft unten, hab ick extra für euch anjeschafft!“ Richtig, wir fahren heute ja gar nicht zu dessen Austragungsort, sondern haben es quasi an Bord.

Unten Spiel, aufm Oberdeck Union-Gesänge, bis der zweite Kapitän die Radio-Übertragung zum Erklingen bringt. Links und rechts des Wasserwegs Berliner Grün, und wir dank des Kommentators Stimme aufm Platz in Köln. „Sind wir bald da?“, frage ich den Käpten am Steuerrad. „Eisern Union!“ Irgendwann muss ich pullern, gehe runter, am Fernseher vorbei. Hinten im Salon sitzen Opi und Sam. Letztes Bier weg, neue Runde geordert, hin da!

Zusammen aufregen, zusammen jubeln

Watt’n ditte, war doch Hand! Wieso keen Elfer – und nich mal ne Ecke!?“ Ja, das war womöglich korrekt, aber doch nicht in diesem Moment an Bord! Der Taz-Unioner beruhigt mich: „Zahlreiche Psychologen sagen, dass es absolut entspannend ist, Am Stadion An der Alten Försterei Fußball zu gucken, weil es nicht so aufregend ist, wenn man sich zusammen aufregt.“ Wunderbar! Und kurz drauf, direkt nach einer Trimmel-Ecke, unser gemeinsames: „JAAAAAAAAAAA!“, weil Marvin Friedrich den Ball ins gegnerische Tor haut! Auch zusammen jubeln ist zigmal besser als allein.

Halbzeitpause, raus aufs Oberdeck, Regen erfrischt und kühlt ab. Der Käpten ist klatschnass. Schirm? Kommt ihm nicht über die Rübe! Das Spiel läuft längst wieder, als Olafs Ruf ertönt: „Alle Mann raus, Schwesterschiff begrüßen!“ Rot uns Weiß auch die Helgard, die uns entgegenkommt. Winken, Schal hoch, „Eisern Union!“ Dann wieder Fußball, der heute, inmitten dieses tiefgrauen und von Blitzen erhellten Himmels wie reinster Sonnenschein daherkommt.

Viktoria über Coronia!

Unsere Mannschaft bleibt wach und gefährlich, geradezu folgerichtig das 0:2 auf des Gegners Platz durch Gentner! Wie wohltuend doch diese Therapie des gemeinsamen Jubelns! Union ist zurück, wir alle sind zusammen an Bord unseres Schiffs, die Welt ist schön. Offenbar wollte unsere Mannschaft nun verhindern, dass wir sogleich die Europapokal-Gesänge rausholen. So zumindest sah dieses gekullerte Anschlusstor der Kölner in meinen Augen aus. Dann noch mal brenzlig in unserem Strafraum. „Niemals ‘n Elfer!“, sieht zum Glück auch der Schiri so.

Den Sieg im Blut, vor Freude trunken, erreichen wir den Anleger. Es dauert lange, bis Sam, Olaf und ich von Bord sind. Tausend Mal danken wir der Besatzung, dann müssen auch wir gehen. Simone winkt uns zu, als die Viktoria an uns vorbei zu ihrem Liegeplatz fährt. Bis bald, liebes Eisernes Flaggschiff. Die Fahrt heute war für mich das Beste, was dieser Tage möglich ist. Auf den Luxus eines eigenen Schiffs möchte ich auch weiterhin nicht verzichten. Egal wie die Liga heißt, die sich mit uns schmückt! Eisern Union!


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