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Frank Nussbücker: Eiserner Sturm auf Schalke - Union siegt 6:1 gegen Schalke 04

Union Berlin mit Kantersieg über Schalke 04

Bildquelle: Harleypaul on Tour [], (Bild bearbeitet)

Im Frühling 2001 weilte die Finnin Tiina mit ihrem Mann im Berlin. Sie campierten unweit des Olympiastadions, und so gerieten sie in den Sog des Pokalfinales am 26. Mai, Bundesligist Schalke 04 gegen den frischgebackenen Zweitligisten 1. FC Union Berlin. Tiinas Bemühungen, doch noch irgendwie eine Karte zu bekommen, schlugen fehl, und doch sogen beide die Atmosphäre jenes Ereignisses auf. Am Ende verlor Union nach starkem Auftritt mit 0:2 gegen den klaren Favoriten – und gewann zwei Eiserne hinzu. Nicht zufällig lautet der FB-Name der sportbegeisterten Finnin Eiserne Tiina.

Gut 21 Jahre später spielten wir zum dritten Mal in der Bundesliga gegen die Knappen – und galten vielen als Favorit gegen den Bundesliga-Aufsteiger. Auf den Rängen zwei Fanszenen, die sich spätestens seit dem Pokalfinale nicht mehr fremd sind. Auch in den Kadern mehrere „gemeinsame Bekannte“. Polti saß nach Verletzung zunächst auf der Bank, so befanden sich mit Terodde und Bülti „nur“ zwei Ex-Unioner aufm Platz. Auf der Gegenseite Frederik Riis Rönnow, der auf Schalke dereinst nicht viel Glück hatte. Und niemals zu vergessen Oliver Ruhnert, einst erfolgreicher Chef der Knappenschmiede.

Führung auf Schalke

Also los, die Arena ist ausverkauft und laut, der Ball rollt. Union wirkt wach, behauptet den Ball und stürmt vor: Jordy auf den fliegenden Sheraldo Becker, der flach abzieht – schade! Aber weiter geht’s, Eckball Union: Gießelmann und Becker führen kurz aus, ersterer sendet den Ball in den Sechzehner. Doekhi steigt hoch, schickt den Ball vors Tor, wo Morten Thorsby nur darauf wartet, sich gegen zwei Gegenspieler zu behaupten und das Spielgerät über die Linie zu drücken. Wie geil ist das denn, wir führen auf Schalke!

Unsere Auswärtsfahrer besingen unseren Verein, und die Ex-Unioner unter den Hausherren antworten auf den Rückstand: Bülti auf Terodde, der aus 10 Metern abzieht! Rønnows Linke befördert den platzierten Schuss ins Toraus, Ecke. Die klärt unser heutiger Käpten Rani Khedira – zum nächsten Eckball. Die kommt auf den ersten Pfosten – Rønnow pariert erneut, diesmal mit beiden Händen. Angriff Union, Becker flankt ins Zentrum, der Kopfball geht auf den Tormann, Aufbau Schalke. Und noch immer dominieren unsere auf den Rängen.

Schalke in Halbzeit 1 besser

Der wackere Ryerson verliert den Ball, Aufbau Schalke. Auch der wird abgewehrt, und Sheraldo Becker nimmt erneut den gegnerischen Sechzehner ins Visier. Sie trennen ihn vom Ball, er holt ihn zurück, doch der Gegner kann erneut klären. Terodde greift an, wird ebenfalls geblockt, nix! Schalke übernimmt zusehends das Kommando, auch auf den Rängen. Ich weiß, die Nordkurve kann eine geballte akustische Macht sein. Noch stimmen bei beiden Teams oft die Abstände nicht, dann liegt Diogo Leite im Mittelkreis, er kann zum Glück weitermachen.

Wieder Union, Becker, Abschluss Khedira, Ecke. Im Publikum Pfiffe, diesmal bleiben unsere ungefährlich. Schalke mit einem langen Ball, aber unsere haben ihn. Wenig später der 4. Eckball der Hausherren. Er kommt in den Strafraum, Kopfball – die Nordkurve sieht ein Handspiel. Die Radio-Kommentatoren schießen sich ihnen nach mehrmaligem Betrachten der Szene an, wird das Ganze gecheckt? Offenbar nicht, das Spiel läuft weiter, Schalke bestürmt unser Tor. Glück gehabt, oder?

Wechselbad der Gefühle

Wie das Leben so spielt: kurz darauf erneutes Handspiel unseres Abwehrchefs – jetzt zeigt der Schiri auf den Punkt. Bülti gegen Rønnow, so ein Mist. Der Ex-Unioner wählt einen langen Anlauf, verzögert geschickt – und drin ist der Ball. Das Stadion explodiert, die Anlage dudelt was, und Torsten Schlüter schreibt mir aus Hiddensee: „Hat sich angedeutet, wir lassen viel zu viel zu!“ Und schon wieder Schalke, sie sind über rechts durch – abgewehrt! Unsere in Bedrängnis, die Nordkurve bleibt laut, und endlich greift Union wieder an. Khedira, Gießelmann, dann Becker …

 

 

… sein Schuss wird so abgeblockt, dass der Ball irgendwie ins Tor hoppelt Ich reiße die Arme hoch, doch im Stadion wird es schlagartig still. Unsere Spieler springen zur Bande, zitieren die Medizin-Abteilung zu sich, die Radiokommentatorin weiß nicht, was los ist. Bald klärt sich auf: Ein Zuschauer sei zusammengebrochen – nein, ein Kameramann! Die Mediziner arbeiten, es bleibt still – endlich kann der Stadionsprecher vermelden: Dem Verletzten Fotografen geht es wieder besser. Später sehe ich: Es war Matze Koch, gute Besserung, lieber Kollege!

Union eiskalt

Das Spiel läuft weiter, wir führen durch ein Tor ohne Jubel. Union über links, Schalke dazwischen – den Gegenangriff klärt Khedira. Schalkes Taktik der langen Bälle geht bislang nicht auf, danke Unioner! Jetzt aber ein schneller Angriff, Foul Union, sie bekommen den fälligen Freistoß. Becker bildet eine Einmannmauer, Ryerson köpft die Murmel raus. Kurz drauf Freistoß für uns nach Foul an Thorsby, dazu die Gelbe für Schalkes Abwehrchef. Sie stellen zwei Mann als Mauer, wehren zunächst ab. Jordy legt das Spielgerät zurück auf Haberer. Der zieht aus 25 Metern ab, oben zappeln die Maschen!

Keine Hymne dudelt, dafür jetzt aber der unbändige Jubel aller anwesenden Unioner, 3:1 für uns! Die Führung steht bis in die Halbzeit. Schalke führt bei Torschüssen wie Ballbesitz, nur bei gelaufenen Kilometern und vor allem auf der Anzeigetafel haben wir die Nasen vorn! Kaum ist das Spiel wieder angepfiffen, setzt sich Jordy gegen zwei Knappen durch und bedient Sturmpartner Becker – schon schlägt der Ball erneut ein in des Gegners Tor ein. Sheraldo Becker traf nach gerade mal 19 Sekunden zum 4:1! Von den Rängen kommt was, das nach „Asoziale Schalker“ klingt, nun ja. Die Führung indes ist phänomenal!

 

 

Der gelutschte Drops

Bis auf den Tormann sind alle Gegner in unserer Hälfte, aber sie finden keine freien Räume, müssen wiederholt hintenrum spielen. Also wieder ein langer Ball, unsere köpfen ihn raus. Auf den Rängen hört man vor allem die Unioner, und auch der nächste Schalker Angriff wird geklärt. Union am Ball, Ryerson auf rechts, der Ball kommt in den Sechzehner, doch Jordy kommt nicht ran. Die nächste gegnerische Bemühung verendet gefahrlos in Rønnows Armen, wie wunderbar! Es folgen ein Abstoß auf jeder Seite, das Spiel flacht etwas ab.

Wir über rechts, kommen nicht durch. Langer Ball der Schalker – auch nichts. Dabei bleibt es. Dann spielt der Gegner doch mal schnell nach vorn, aber Terodde kann das Spielgerät nicht kontrollieren, wie dereinst öfters auch bei uns. Ich habe nichts dagegen. Schießich stellt Urs unsere Offensive neu auf: Joker-Duo Behrens-Michel für Jordy und Sheraldo, kurz drauf noch Pantovic für Thorsby. Auf Schalker Seite kommt Polti für den glücklosen Terodde. „F-C-U-Fußballclub Union Berlin“, skandieren die Ränge.

Einfach nur genießen

Mir erscheint das alles mehr und mehr unwirklich – dabei ist es doch so irre real, das Ergebnis jahrelanger Arbeit. Union dominiert, geradezu nach Belieben – zum ersten Mal werden 3 Punkte auf Schalke zur unumstößlichen Realität. 7:2 Ecken für die Hausherren, auf der Anzeigetafel nach wie vor 4:1 für uns. Und es wird noch verrückter, denn Sven Michel macht genau dort weiter, wo er gegen die Brause-GmbH aufhörte. Er will den Ball, manchmal ungestüm, aber stets durchschlagend. Schon haut er das 5:1 in die Maschen, „He FC Union!“

Massen von Schalke-Fans verlassen die Arena, ihre Mannschaft steckt auf. Folgerichtig Treffer Nummer 6 – und wieder ist es Sven Tor-Michel! Ich fühle mich jetzt fast so, wie ich mir den typischen Bayernfan vorstelle. Wie souverän und abgebrüht agieren diese irre Unionmannschaft und ihr Trainerteam? Wir zumindest für ein paar Stunden auf dem schönsten aller Nicht-Abstiegsplätze, und noch 30 Punkte bis Buffalo, nach Spieltag 4! Auch Freund Christoph im Gästebock kanns nicht fassen. Sein Fazit: „Ich überlasse es dem Schriftsteller, dafür noch Worte zu finden.“ Ich finde zunächst nur zwei: Eisern Union!


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