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Frank Nussbücker: Ein blöder Tag, doch unvergessen - Union Berlin mit Pleite in Frankfurt

Heftige Union-Pleite bei Eintracht Frankfurt

Bildquelle: Vasyatka1 [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons (Bild bearbeitet)

Vorm letzten Heimspiel horchte ich auf, als ich von Testungen im Stadion las. Las ich doch sofort mit: Kommt her, wir spielen wieder vor Euch! Die Ankündigung unseres Vereins hatte durch ihre Formulierung nicht nur mich aufgeschreckt. „Ich bin dabei, wo kann ich mich testen lassen!“, rief so mancher im Netz. Bis klar war: Nur die Leute, die bei diesem Geisterspielbetrieb im Stadion sein müssen-dürfen, bekommen die Gelegenheit, sich vor Ort freiwillig einem Corona-Test zu unterziehen.

Mittlerweile folgen weitere Testprojekte. Hansa Rostock durfte in seinem knapp 30.000 Zuschauern fassenden Stadion gut 700 im wahrsten Sinne Test-Zuschauer unterbringen, auch bei Union sollen nach Corona-Tests reale Menschen auf der Sitzplatz-Tribüne testsitzen. Nun aber schallt es schon wieder: „Notbremse!“ durchs Land. Passend, dass ich letzte Nacht meinen ersten Corona-Traum hatte. Zusammen mit drei Mädels machten wir in unserer Küche eine Art Nachsitzen-Heimschule mit Themen aus der Penne-Zeit, die bei mir über 35 Jahre zurückliegt.

Regeln, Test und Abstand? Ick will zu Union!

Die vom menschlichen Umgang mit diesem nicht-Eisernen Virus bestimmte Gegenwart macht nicht nur mich kirre. Auch und gerade, weil der unvergessene letzte Stadionbesuch mittlerweile gefühlte Ewigkeiten zurückliegt. Mich schüttelts bei der Vorstellung, ein solcher sei zukünftig nur nach zigfacher Impfung und brandaktuellem Test mit Abstand, Sitzplatz, Gesangs- und Sonstwas-Verbot möglich. Traurig macht mich, dass 10 Jahre harte Arbeit unseres Vereins, zumindest vom finanziellen her in einigen Monaten Pandemie-Betrieb zunichte gemacht wurde.

Sollten diese Seuchenzeit nur Globalplayer wie Red Bull, Bayern & Co überleben, ist der dann von ihnen angebotene Profifußball endgültig nicht mehr mein Bier. Ich will Eisernes Fieber, will zu Union: Bei Bier, Bratwurst zusammen mit den anderen Bekloppten Lied auf Lied anstimmen, den Gegner nieder- und unsere nach vorn singen! „Eisern Union!“, will ich brüllen und jede unserer Chancen, erst recht die Tore, mit Stimmkraft feiern, statt Bumsmusik zu lauschen. Damit mich zum mittlerweile gestrigen Spiel!

Ein wilder Tanz

Wieder nicht ins Stadion, aber wenigstens mit paar Bier im Beutel zu Nachbar Jo. Frankfurt? Wird schwer! Haben uns vor Jahren eine Liga tiefer 4:0 weggehauen, daheim Am Stadion An der Alten Försterei. Erst letzten Februar gelang uns wieder mal ein Sieg, in dieser Hinrunde ein packendes 3:3. Wie siehts heute aus ohne unseren schnellen Becker-Awoniyi-Sturm? Und wie wird es nächste Saison aussehen, wer stürmt, flankt, verteidigt dann für uns? Weg mit den Gedanken, wenn in der Hinsicht jemand mein Vertrauen hat, dann Oliver Ruhnert!

Also los jetzt, Prost, Jo! Anstoß! „Kompakt müssen wir stehen!“, betont Urs – und Union legt los. Halbe Minute gespielt, Eckball. Knoche knallhart, aber der Keeper wehrt ihn ab. Nachschuss Friedrich – schade. Frankfurt im Gegenzug über rechts, Steilpass in die Mitte, ein Stürmer völlig frei – drin ist er, Mist! Nun dauert es knapp 5 Minuten, bis Union einen guten Angriff bringt. Zweikampf, unserer gewinnt rabiat, Ball zum Mitspieler namens Kruse – und das richtige Netz zappelt – Ausgleich, unsere Fäuste knallen aneinander, Eisern Union!

Gurkentor des Monats

Und wild geht es weiter. Ecke Frankfurt, Ecke Union. Dann Freistoß für die Hausherren – knapp rechts vorbei! Ryerson passt von links in den Strafraum, Joel Pohjanpalo trifft den Ball nicht gut. Bald drauf Ecke Union – sie kratzen die Murmel von der Linie! Auch den zweiten Ball wehren sie ab. Unsere spielen so, als seien sie hier zuhause, der Gegner so gut wie ebenbürtig. Frankfurt kann froh sein, dass es nur 1:1 steht. Freistoß Union durch Kruse – Vorlage für einen gefährlichen Kopfball, am Ende geht der Ball neben dem Tor über die Linie.

 

 

35. Minute, der Ball ist in unserer Hälfte. Robert Andrich passt – warum? – zum Torwart zurück – Schock: Luthe steht am kurzen Eck, Andrichs Ball aber visiert die lange Ecke an. Unser Keeper gibt Fersengeld, stolpert – und wir sehen entsetzt zu, wie die Mistkugel über die Torlinie trudelt. Ein Eigentor, das keiner von uns vergessen wird. Ich bin Laie, frage bei Potti Matthies nach, der mich aufklärt: „Luthe stand richtig! Einen Rückpass spielst du nebens Tor, genau da stand der Torwart und bot sich an.“

Katastrophale Minuten – und Union antwortet erneut

Der Schock saß, und er zeigt fatale Wirkung. Ehe wir uns versehen, sind sie schon wieder vor unserem Tor. Luthe geht raus, wehrt ab, gegen den 2. Ball vom zweiten, wieder sträflich freien Angreifer ist er machtlos, 3:1. Als Antwort ein Schuss von Kruse – Frankfurter Gegenangriff, 4:1. Schlachten die uns? Jetzt bloß kein 5. Tor vor der Pause, denke ich, da passt Marvin Friedrich von rechts auf Max Kruses Kopf, und eine wunderschöne Bogenlampe senkt sich passgenau ins lange Eck. Union ist wieder da! War nie weg! Was für ein irres Spiel!

Die Pause ist brutal. Benny Köhler sagt, er sei für beide Mannschaften, dann ein Werbespot von Red Bull, in dem ein auf einem Flugzeug fläzender, Brause trinkender Vogel schneller vorankommt als seine mit der Kraft der eigenen Schwingen fliegenden Artgenossen. Vertraue dich der mächtigen Maschine an, super Message! Unsere Mannschaft ackerte, stürmte auf das gegnerische Tor – und war damit ähnlich erfolgreich wie die mit Muskelkraft fliegenden Vögel aus dem Spot. Eisern Union!

Eisern kämpfen – und dann wieder siegen!

Weiter geht’s, kämpfen und siegen! Klar fehlen Becker und Awoniyi! Klar verletzte sich Petar Musa beim Aufwärmen, dass Profi-Joker Pohjanpalo in die Startelf rücken musste. Klar schockt so ein mistverdammtes Eigentor aus heiterem Frühlingshimmel – und doch schießt Union am Ende fast dreimal so oft aufs Tor wie der Gegner. Sie ackern und rackern, erarbeiten sich sehr gute Chancen, aber es soll heute nicht sein. Das 5:2 in der Nachspielzeit – geschenkt.

Ein Aussetzer, dreimal „Tag der offenen Tür“ bei der sonst so sicheren Defensive, dazu allerhand Pech und ein Gegner, der in der Tabelle nicht zufällig an 4. Stelle steht. Ja verdammt, es gibt diese Tage, an denen dann auch ein Kruse-Doppelpack und 23 weitere Torschüsse nicht ausreichen. Immerhin fast zwei Stunden, an denen ich nicht an Viren, Infektionszahlen, Notbremsen, Stubenarrest, Weltrettungs- & Weltvernichtungstheorien und all die anderen Dinge dachte, die mich seit einem Jahr zermürben. Ich sah Unioner kämpfen, was will ich mehr? Eisern heißt dit!


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