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Singen fast wie früher – siegen wie noch nie! - Union schlägt Mainz 05

Frank Nussbücker über das Spiel Union Berlin - Mainz 05

Bildquelle: Frank Nussbücker [], (Bild bearbeitet)

Wie groß war meine Freude, als ich vom Verein die Mail erhielt, welche mir zu meinem Glück beim Losverfahren gratulierte. Nun endlich würde auch ich erleben, wie sich unser Wohnzimmer und den gegebenen Pandemie-Bedingungen anfühlt. Heute also Punktspiel Am Stadion An der Alten Försterei, und ich mittenmang. Nun ja, so mittenmang das eben gerade geht. Die Berichte der Freunde, die nach dem 1. Spieltag sehr schnell vom Stadion ins Coé kamen, klangen nicht sehr begeistert.

Ich war äußerst gespannt, wie sich das anfühlt: Nach über 7 Monaten endlich wieder im Block – und doch nicht im Block. Zumindest nicht zwischen Dana, Jo, Rolf, Konzi und all den anderen. Und auch kein Lieblingsitaliener Helmut, der viel zu spät und voll beladen mit prallem Bierträger die Stufen zu uns hinauf stapft. Würde ich wenigstens den einen oder die andere Bekannte treffen? Wie fühlt sich der Anblick der verwaisten Stände an? Laut Weisung von janz oben Plürrewasser statt Bier …

Eigenständig heiser brüllen?

Und wie wird unsere Mannschaft dieses Sechspunktespiel angehen und bestehen? Instagram-Storys hin oder her, heute geht es um alles im Abstiegskampf! Und wie werden wir Unioner den heute anstehen Kampf angehen und bestehen. Werden wir die Mannschaft SO unterstützen und unsere Anwesenheit im Wohnzimmer SO feiern, wie sich das für uns gehört? Stadiongesänge ohne Kapos, Trommeln und den Power-Chor der Ultras – umso mehr sind wir alle gefordert. Eines schwor ich mir: Bin ich nach dem Spiel nicht heiser, habe ICH es heute nicht gebracht.

Bei der Anfahrt sehe ich mich als echte Minderheit im Großstadt-Dschungel. Erst am Alex die ersten versprengten Menschen mit Union-Insignien. Scheue Blicke. Die rot-weißen Warnschilder im erschreckend leeren Waggon sehen nach Union aus. Und doch kommt jetzt so langsam der Gedanke: Mist, wir haben einen Gegner, der die Punkte so dringend braucht wie wir. Wie immer auf dem Weg zum Wohnzimmer beherrscht mich dieses gnadenlose Gehetzt-Sein. Warum fährt die verdammte Bahn nicht schneller?

Der lange Weg in den Block

Im Bahnhof Köpenick verkaufen Olaf und Mieze wie immer das Unionprogramm. Nur ist Olaf heute nicht umringt von Karten-Suchenden. Überhaupt, es ist auch hier so komisch leer. Immerhin sehe ich lauter rot-weiß gewandetet Menschen. Also los, ab Richtung Zauberwald. Vor der Falle siehts fast wie immer aus, vielleicht wie immer vor 13 Jahren? Ich treffe zwei Kumpels, die ich schon ewig nicht mehr gesehen hatte. Nun aber ins Stadion! Vorm Eingang ein letzter Bierstand mit echter Ware.

Der Barkas steht an Ort und Stelle, von Schmü sicher herkutschiert. TeiChi schenkt mir eine große Andora-Eckfahne, kann ich also korrekt beflaggen am Big-Deutschland-Feiertag. Nun gibt’s kein Vertun mehr. Ich muss in den Block, bei dem ich so schrecklich fürchte, er wird ein mir fremder Ort heute sein … Rote Kreise, weiße Zahlen auf dem Beton. Den Blick gesenkt, suche ich meinen „Sitzplatz“, bis mir welche zurufen: „Nussi, hier musste her!“

 

 

Wow, ich bin zu Hause!

Aus alter Gewohnheit hatte ich einen Platz nahe meinem Echten gebucht – und befinde mich in nahezu trauter Runde. Wolfgang und André von den Steinis. Auch Steini Senior wäre jetzt hier, aber das schmerzhafte Kratzen im Hals ließ ihn zu Hause bleiben. Unioner können auch Verantwortung! Der Mucho ist da, neben mir steht Peter, sogar ein paar der Friedrichshain-Süd-Kämpen sind zur Stelle. Von hinten trifft mich ein „Nussi, du stehst falsch!“ Torsten Eisenbeiser bietet mir seine Faust zum Einschlagen. Stimmt, normalerweise stehe ich paar Meter links von ihm, kann losgehen!

Es hallt anders, na und? Wir singen Eisernet Lied, wann kommt die Hymne? Egal, schieben wir „Und wir lieben unsern Club, und wir sind stolz auf ihn!“ dazwischen. Auftritt Christian: „Unioner!“, „Alte Försterei!“ und Hymne, alles wie gehabt. Mainz Anstoß, unsere Mannschaft auf der richtigen Seite und wir: „Auf geht’s, Unioner schießt ein Tor … und wir lieben unsern Club…“ Schit auf die Wiederholung, zwischendrin Applaus für eine gelungene Spielaktion.

Tor für Union!

Der Wechselgesang Eisern – Union klappt großartig. Applaus auch dafür. Die Gesänge viel kürzer als mit Vorsängern und Kapelle gewohnt, aber was solls? Wir sind hier, also Rock’n Roll! Die Mainzer greifen unsere früh an – Westernsong. Dann von Minute 5.20 bis 8.29 Wechselgesang „Wir lieben Union, jawoll!“ Auf dem Rasen bis dahin in meinen Augen kaum ein Spiel, aber deshalb sind wir ja genau genommen gar nicht hier. „Oh Köpenick, du bist wunderschön!“ Da schießen unsere knapp übers Tor!

Die Gesänge entstehen langsam, oft braut sich links und rechts von uns was zusammen. Oder wir beginnen ein Lied. Nicht jedes kommt durch, aber ich spüre keinerlei Konkurrenzkampf. Eher Dankbarkeit, wenn ein Klangteppich zum Mitgrölen einlädt. Und wie als Dankeschön passt Andrich zu Becker und der zu Kruse, der das Ding in die Maschen köpft: „Tor für den 1. FC Union Berlin!“

Mit unsrer Liebe in die Pause

„Abpfeifen!“, brüllt einer, als unsere Jubelorgie verklungen. Mainz greift an, „Union, Union!“ Links „Wir sind die Kranken“, rechts „Bella Ciao“ – „1. FC Union Berlin – und alle!“ Union schießt aufs Tor! Dann Gestocher in unserem Strafraum. Betteln wir? Nee, tun sie nicht. „Dem Morgengrauen entgegen“, Ecke Mainz, Luthe hat ihn. Die Mainzer verstärken den großflächigen Druck auf unseren Rasen. Einer nach dem anderen fallen sie hin, um sich vom Schiri mir Freistößen und ner Gelben für den Unioner des Jahres, Kapitän Trimmel, trösten zu lassen.

 

 

Wir singen, unsere Mannschaft will den Ball, und Herr Schieber pfeift, logo mit konstanter Boshaftigkeit gegen uns. Ab 41.16 pünktlich „FC Union, unsre Liebe, unsre Mannschaft, unser Stolz…“, unsere bringen den knappen Vorsprung sicher in die Pause. Wieder haben uns Kameraden Richtung Block H verlassen. „Eisern Union!“ schallt es ihnen hinterher. Oh, jetzt flackerts ja rund ums Spielfeld, fällt es mir in einem stillen Moment auf.

Mainz foult, wir feiern Fasching!

Weiter geht’s, Mainz darf foulen, Ecke Union. Mist, er hat ihn. Mittlerweile haben es Herr Schieber und sein Team geschafft, dass wir die Mainzer ausbuhen, sobald sie am Ball sind. Der Käpten flankt in den bösen Strafraum, Ingvartsen sagt Danke und nagelt die Pille ins Tornetz – was für ein befreiender Jubel, Fäuste schlagen gegeneinander. „Union!“ Mainz greift an, foult – und wow, der Bösewicht sieht die Gelbe!

„Wir sind die Kranken“, ein Mainzer tritt Marvin Friedrich zu Boden. „Oh Köpenick, du bist wunderschön“, zweite Gelbe für Mainz. „Watt iss mit denen nich in Ordnung?“, fragt einer hinter mir. … Freistoß Union, Marvin köpft ihn rein! Urs wechselt mal wieder den Sturm aus, und der brachiale Finne mit dem für uns noch schwer auszusprechenden Namen (heißt er eben erst mal nur Fußballgott!) hämmert 35 Sekunden später das 4:0 in die Maschen! „Union braucht keinen Karneval, Unioner feiern überall!“

Günni lebt, wir auch noch

Ein einziger Rausch, ohne Stadionbier! Wir grölen für die mit, die nicht hier sein können. Erst in der 79. wird meine Stimme matt. Bin wohl nicht der einzige, plötzlich ist das ganze Stadion still. Die nächste Riesenchance, auf dem Rasen sauber herausgespielt von unserer Mannschaft, reißt uns wieder mit. Nach Bella Ciao in der 84. Erschallt ab 86.30 das Lied über unseren FC Union, unsre Liebe … Die Mannschaft verabschieden, allen Bekannten das Beste gewünscht, und zu Iron Henning die Stadiontreppen hinunterschweben. Kurze Auswertung vorm Tribünenhaus, Rollifahrer Kevin brüllt meinen Namen über den Parkplatz.

Im Coé dagegen nahezu Leere. Haben sich viele nicht her getraut? Zurück in der Corona Realität. Homedrinking is killing your Gastwirt. Sam geht erst wieder ins Stadion, wenn „wir alle“ da wieder hindürfen. Ist er eben hier, wir feiern Wirt Mirkos Geburtstag nach … es ist spät in der Nacht, als Olafsohn Sam und mich in den Barkas bittet. Dessen Hüter Günni ist immer mit an Bord. Fröhlich und traurig knattern wir durch die Nacht. Meine Stimme ist weg. Eisern Union.


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