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Frank Nussbücker: Fernsehderby Volume 2 - Union Berlin kämpfte tapfer gegen Hertha BSC

Union Berlin unterliegt Hertha BSC im Derby 2020

Bildquelle: Thomas Wolf, www.foto-tw.de [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons (Bild bearbeitet)

Derbystimmung? Fehlanzeige, bis in den Anfang der Spielwoche hinein. Dann die Bilder der Tausenden Hertha-Fähnchen – und bei mir naivem Menschen und Fußballfan der Gedanke: Hut ab! Da schlugen sind mindestens hundert Herthaner die Nacht um die Ohren, um ihre Liebe zum Verein zum Ausdruck zu bringen, wow! Dass es sich dabei am Ende um eine vom Verein angestoßene Marketingaktion handelte, finde ich nicht schlimm. Unsere Plakate „Berlin sieht rot“ vom letzten Derby mit Menschen auf den Rängen fand ich ja auch gut.

Meinen Hut vor Hertha ziehe ich jedoch dafür, dass sie zum Spiel die Faninitiative Hertha-Kneipe auf die Trikotbrust ihrer Spieler brachten. Das ist, egal ob naive Sicht oder nicht, echte Anerkennung für das Wirken der Fans. Und eine Hertha-Kneipe, der KUGELBLITZ WEDDING, ist auch mir ans Herz gewachsen, seit ich im Sommer 2014 daselbst ein Lese-Duell gegen den Herthaner Knut Beyer erlebte. Freibier für alle, Frotzeln, widerstreitende Gesänge fast wie im Stadion, und bis in den Morgen hinein etliche neue Freundschaften zwischen Berliner Fußball-Bekloppten

Fernsehen kieken statt Ball ins Tor singen

Dann selbst in meiner Straße in Prenzleberg ein Hauch Derby-Atmosphäre. Mein Balkon beflaggt mit der Fahne des Eisernen V.I.R.U.S. mit Gruße an Dario Urbanski und die Alte Försterei 2 in Südafrika, dazu Andoras Eckfahne „Der kleine Biss“. Gegenüber eine Herthafahne im Fenster, und Jo & Schnacko ausm Nachbarhaus hatten ihren Balkon deutlich sichtbar rot-weiß geschmückt.

Trotz allem dieses beklemmende Gefühl: Was auch immer nachher geschieht, ich werde nicht dabei sein und auf gar keinen Fall wird uns jener Coup vom 5. Februar 2011 gelingen, als wir Tusches im Grunde ja gar nicht sooooooo super geschossenen Freistoß ins Tor sangen. Das wird keiner je vergessen, der dabei war. Aber egal, heute war mal wieder Fernseh-Fußball angesagt. Zum Glück zumindest gemeinsam mit einem befreundeten Unioner.

Was für ein geiles Tor!

Eine halbe Stunde vorm Spiel dann doch diese irre Aufregung wie vor einer Prüfung. Gänsehaut, Schwindelgefühl und die irre Lust, all das, was es jetzt zu sagen gibt, mittels Gesangs im Block herauszubrüllen. Warme Stube, Nüsschen und bestes Bier sind da kein Trost, aber was solls. Jammern hilft jetzt auch nix, lieber noch mit der Eisernen Handicaperin Vonnsche und ihrem Silvio telefonieren, und Elfe René Stöpsel muss ja auch noch zum Geburtstag gratuliert werden.

Endlich Anpfiff in der hallenden Suppenschüssel. „Das wird ein mieses Spiel“, bringts Freund Robert aufn Punkt. Beide Mannschaften tasten einander ab. Alle wissen wohl, um was es hier geht: Erst mal jeden Fehler vermeiden. Kampfschwein Robert Andrich wirkt noch einen Tick motivierter als alle anderen, und die von ihn „angesprochenen“ Herthaner fallen reif fürs Bilderbuch. Dann ein schneller, knackiger Angriff von Union, Ingvartsen auf Awoniyi, der sich im Strafraum gegen zwei Gegenspieler behauptet und im genau richtigen Sekundenbruchteil abzieht – schreiend klatschen wir ab, was für ein geiles Tor!

Und du kannst nichts machen …

Kurz darauf das, was sich bereits angekündigt hatte. Dieses Mal rauscht Robert, das Bein so hoch, wie ich es schon längst nicht mehr hinbekomme, voll in den Gegenspieler. Dass der jetzt fällt wie ein abgeholzter Baum, liegt auf der Hand, für mich auch die anschließende Rote Karte. Und da ist es wieder, dieses irre beklemmende Gefühl: Das ist jetzt totale Scheiße, und du kannst nix machen. Keinen Frust rausbrüllen, trotzig weitersingen, der Mannschaft den Rücken stärken.

 

 

Und die auf dem Rasen machen das superstark. Hertha kommt, aber unsere stehen gut, schenken nichts her – und klar, der Druck der Charlottenburger wird heftiger, dabei jedoch kaum zwingend. Bis zur Pause kommen wir fast ohne große Chance des Gegners. Die Pause hab auch ich jetzt bitter nötig. Was nur wenige Minuten nach Wiederanpfiff passierte, wissen wir alle. Ausgleich, und irgendwann dann die Führung der Hertha.

„Eisern, stolz geradeaus!“

Bei zwei Gegentoren sah Torwart Andreas Luthe nicht gut aus. Ich hoffe und weiß, das wird analysiert. Unioner-Kollege Achim Rohrberg schrieb: „Nen Fehler kann man ruhig zugeben, ist nicht schlimm!“ Schlimmer fand ich den Frust einiger, die mal wieder aus allen Schampusliga-Wolken fielen und Sachen raushauten, die ich gern „normalen“ Fanszenen überlasse. Noch schlimmer finde ich, dass sich Max Kruse am Ende verletzte. Ohne Gegner-Einwirkung, klingt bedrohlich – alle Kraft für unsere Eiserne Nummer 10!

Ich bin stolz auf das, was unsere Mannschaft gestern aufn Rasen brachte. Dass sie die Mammutaufgabe eines über eine Stunde andauernden Unterzahlspiels annahm. Stolz auf Trainer und Betreuer. Einige befinden sich in Quarantäne, ihnen mein Eiserner Gruß und beste Genesungswünsche! Stolz auf unsere bislang erreichten 16 Punkte in der vermaledeiten 2. Saison 1. Bundesliga. Allein, dass wir hier sind, wieder mit dem zweitkleinsten Etat aller 18 Vereine! Andere Mannschaften „kosten“ das Vielfache unserer Fußballgötter, deren Spiel verdammt nicht danach aussieht. Jetzt kommen die schweren Brocken, na und? Eisern heißt dit!


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