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Frank Nussbücker: 1. FC Union Berlin in Zeiten der Corona-Krise

Frank Nussbücker zum Thema Corona und Union Berlin

Bildquelle: Frank Nussbücker [], (Bild bearbeitet)

Ich gebe zu: Eine solche Zeit wie diese hier hab ich nie zuvor erlebt. Schon hörte ich, auch durch meinen Beruf als Ghostwriter, Erzählungen aus dem letzten Weltkrieg. Doch plötzlich fühlte ich mich selbst wie kurz vor einem Krieg. Die plötzlich an vielen Stellen leeren Regale erzählen mir davon, dass im Ernstfall viele sich selbst am nächsten sind – und sich damit selbst in Gefahr bringen.

Was nützt es denn, wenn ich im Gegensatz zu vielen anderen lauter Desinfektionsmittel gehortet habe. Und wenn ich in meiner Bude jeden Keim dreimal töte, muss ich davon ausgehen, dass die hygienischen Verhältnisse außerhalb meiner vier Wände schlechter werden – auch für mich. Abgesehen davon, dass ich ganz froh bin, in einem nicht so arg desinfizierten Land aufgewachsen zu sein. Aber das gehört jetzt nicht hierher.

Keine Spiele, aber Union

Und Union? War auf einmal ganz weit weg. Erst ging’s noch darum, dass wir vielleicht wenigstens noch das Bayern-Spiel – von vielen Eisernen seit Jahrzehnten erwartet – noch im Stadion erleben. Kurz darauf stand wenigstens noch die „Chance“ im Raum, das ohne Zuschauer stattfindende Spiel daheim im Fernseher zu sehen – dann endlich war klar: Fußball gibt es sobald nicht mehr.

Tja, Union Berlin gab’s trotzdem! Zunächst mal die vom TAZ-Unioner organisierte virtuelle Fahrt auf Eddylines VIKTORIA zum Nicht-Spiel nach Köpenick. Kein Spiel? Aber auch das Nicht ohne Liebe und nicht ohne Unionprogramm! Der Ticket-Erlös für die Schiffspartie sollte Kapitänin Simones Reederei zugutekommen. Soweit ich weiß, entscheid die Kapitänin, dass andere das Geld dringender brauchen. Auch das ist Union.

„Corona macht … durstig!“

Seither war ich in so mancher Kneipe. Virtuell, versteht sich. Zum Eisbein-Essen suchte ich das Coé auf, getreu Sam Paffs Motto: „Corona macht nicht satt, aber durstig!“ Wir schrieben ins Internet, als säßen wir am Tresen. Auch in der Hertha-Kneipe „Zum Kugelblitz“, in der ich dereinst ein unvergessenes Lese-Duell gegen meinen blau-weißen Lieblingsfeind austragen durfte und die Wirtsleute dazu ein Fass Freibier für alle raushauten, war ich zu Gast. Und ich bin stolz auf uns Berliner, dass sich in beiden Kneipen die Vereinsfarben mischten.

Viele sind in Not – und noch mehr haben die Chance, etwas Solidarisches zu tun. Klar kann keiner von uns die Welt retten – aber wir können uns zumindest um jene Orte kümmern, die wir auch nach dieser Krise wieder aufsuchen wollen. Also handeln wir auch aus purem Eigennutz, wenn wir solidarisch sind. Tut außerdem echt jut, kann ich bestätigen.

Unioner ohne Macke sind Kacke

Und dann gibt’s in meinem Union-Leben ja auch noch die Fan-Initiative Eisern trotz(t) Handicap. „Hättste Bock, dass wir mal auf Facebook ne kleine Lesung mit Dir machen?“, fragte mich mein Kollege Filip Schnuppe, „für unsere Handicaper, zur Unterhaltung.“ Machten wir. Und wollten für unsere Handicaper einschließlich uns selbst die passenden Gesichtsbedecker besorgen: „Unioner ohne Macke sind Kacke!

 

 

Die wollten plötzlich ganz viele haben – wir verkauften sie, jeder Cent Gewinn für unsere Aktionen, irgendwann wieder einmal eine Auswärtsfahrt für unsere Handicaper! Gesichtsbedecker werden schlagartig massenhaft gebraucht, Wuhlesyndikat und Szene Köpenick veröffentlichen eine Bastelvorlage, rufen auf, einander zu helfen. Alle für alle, statt jeder gegen jeden, bin ich dabei!

Mach was!

Und sonst so? Bricht die Wirtschaft zusammen? Gibt’s die nächste Hyper-Inflation? Hab trotzdem Lust zu arbeiten, schreibe ich also JETZT das Buch über mein Kindheitsidol Potti Matthies, das bislang kein Verlag und kein Verein wollte – na und? Mein Herz will es, also schreibe ich es, lass mir von Potti, Rolli Weber, Ronny Nikol, Götz und anderen Geschichten erzählen, sauge sie auf, verbinde sie mit denen in meinem Kindeskopf, bin abgekämpft und froh.

Lese daraus während unserer Sendungen, während Andere Tausende Pfannkuchen der Familienbäckerei Scholz an Behinderten- und Altenheime, ne Obdachlosen-Anlaufstelle, ne Flüchtlingsunterkunft und etliche Krankenhäuser liefern. Wieder Andere tun wieder Anderes, weder für Ruhm, noch für Geld. Tut mir selbst in jedem Fall zigmal besser als mich gegen wen auch immer zu verschwören oder andere anzuscheißen, die das Stai ät Hohm nicht ernst genug nehmen.

„Und irgendwann, irgendwann einmal!“

Wie glücklich bin ich, dass ich nicht einsam bin! Wie dankbar, dass ich Familie hab, eine kleine Zuhause, eine weitaus Größere hier wie anderswo. Steht Union drauf, ist Rot und Weiß und eigentlich ja nur ein Fußballclub! Ist so viel mehr und geht weit darüber hinaus. Schwappt in die Fanszenen anderer Vereine, meint irgendwann einfach „nur noch“ den Menschen, der mir da gegenübersteht, auf der Straße oder im Netz.

Nun sollen bald die Spiele weiter gehen, ohne Zuschauer. Dafür? Dagegen? Der Präsi denkt an seine Beschäftigten, tritt für DIE ein und lebt damit ebenfalls Union. Weiß Du, wie’s weitergeht? Ich ja: Aufstehen, arbeiten, leben – und versuchen, nicht blind zu werden für die Probleme meiner Familienangehörigen, meines Planeten. Und ja, irgendwann, irgendwann einmal wieder ins Stadion und in so manchen damit verbundenen Ort gehen. Prost und Eisern!


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